Erster Sprung war wie eine Befreiung
Der siebte Mann ist Titelverteidiger und Überlebender

Marko Baacke erlitt bei einem Trainingssturz 2001 lebensgefährliche Verletzungen und startet nun bei der Nordischen Ski-WM.

CAVALESE. Der Weltmeister durfte beim Training nicht springen. So sind nun einmal die Regeln. Marko Baacke gehört zwar zur deutschen Mannschaft, doch nach den Nominierungskriterien wiederum nicht. Die vier Startplätze im Wettkampf und die sechs im Training für den Auftakt in der Nordischen Kombination (90-m-Schanze, 15-km-Strecke) heute in Predazzo und Lago di Tesero sind Ronny Ackermann, Björn Kircheisen, Georg Hettich, Sebastian Haseney, Matthias Menz und Thorsten Schmitt vorbehalten.

Es sei schon ein seltsames Gefühl gewesen, sagte Marko Baacke, eine Stunde lang neben den Trainern zu stehen und den anderen nur zuzuschauen. Der Champion von Lahti (Großschanze, Sprintstrecke) wäre auch nicht vom Deutschen Skiverband für die WM ausgewählt worden, hätte er sich nicht als Weltmeister 2001 automatisch qualifiziert. Heute muss der siebte Mann auch beim Wettkampf noch zuschauen, bei dem er vor zwei Jahren Achter geworden war. Auf den Auftritt in "seiner" Disziplin wartet Baacke bis zum nächsten Freitag. Dann wird er weniger als Titelverteidiger von Lahti, sondern als Überlebender von Kuusamo an den Start gehen.

Am 20. November 2001, zu Beginn der neuen Saison, hatte der Weltmeister bei einem Trainingssturz im finnischen Kuusamo lebensgefährliche innere Blutungen und Verletzungen erlitten. "Mit 100 Stundenkilometern prallte mein Körper auf den Schnee", erzählte Marko Baacke. Es ging um Leben und Tod. In einer Notoperation mit einem 26 Zentimeter langen Schnitt waren ihm die Milz und eine Niere entfernt worden. Während des olympischen Winters lag der Sportsoldat aus Ruhla monatelang im Krankenhaus. Der folgenschwere Crash hatte ihn auch um die Möglichkeit gebracht, in der olympischen Saison seinen WM-Titel zu vermarkten.

Der erste Sprung im Wettkampf ein Jahr nach dem Unfall, am 6. Dezember 2002 in Trondheim, sei wie eine Befreiung gewesen. Er musste den Alptraum überwinden und die Sturzangst besiegen. "Es hätte ja sein können, dass ich da oben stehe und nicht losfahre." Er fuhr los, beendete das Comeback als 20., bestritt im laufenden Weltcup sechs weitere Wettkämpfe, freilich mit Platzierungen weit hinter der Weltspitze. Marko Baacke ist dennoch "überglücklich, dass ich wieder dabei bin, und froh, dass ich bedenkenlos springe". Irgendwann, das ist der Traum nach dem Trauma, will er wieder "ganz oben stehen". Für einen, der gerade 23 Jahre alt geworden ist, gibt es noch viele Winter mit Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Für die Enkel Georg Thomas und die Söhne Ulrich Wehlings, deutsche Legenden in dieser Disziplin, geht es heute um Medaillen - das verlangt schon der Selbstanspruch. "Wir sind absolute Weltspitze", stellte Cheftrainer Hermann Weinbuch klar. Im Weltcup führt der Olympiazweite Ronny Ackermann (zwei Siege, fünf zweite Plätze). Das 19-jährige Ausnahmetalent Björn Kircheisen, der bei den Junioren-Weltmeisterschaften vor zwei Wochen drei Titel gewann, ist Dritter, Georg Hettich Fünfter. Die Burschen, sagt Weinbuch, seien jetzt "reifer, selbstbewusster, stärker und in sich gefestigter" als in Lahti und Salt Lake City (Silber im Mannschaftswettbewerb). Weinbuch setzt darauf, dass seine Kombinierer bei Großveranstaltungen nicht das große Nervenflattern bekommen. "Ich will spaßvollen Angriff sehen, zusätzliche Energie, Punch und Power wie bei den Amerikanern."

Ein Problem hat lediglich Ronny Ackermann. Dem 25-jährigen Routinier aus Oberhof war beim Training in St.Moritz der Sprungschuh "ziemlich zerstört" worden. Bis zuletzt wusste Ackermann nicht, ob er den reparierten alten Schuh ("das ist vielleicht zu riskant") oder den neuen anziehen soll.

Der hat Probleme, mag Marko Baacke denken. Um ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er nicht das siebte Rad am Wagen ist, erkor die Teamleitung den Leidgeprüften zum Fahnenträger für die Eröffnungsfeier. "Die Geste hat mich stolz gemacht, auch wenn bei der Zeremonie gar keine Fahnen getragen wurden." So war Marko Baacke auch hier nur Zuschauer.

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