Erster Verlierer ist der amerikanische Steuerzahler
Olympische Spiele: Ein Blizzard aus Dollarnoten

In 23 Tagen beginnen die Spiele in Salt Lake City. Es werden die teuersten aller Zeiten sein. Auf mindestens 1,9 Millarden Dollar schätzen Experten die Kosten für das Spektakel. Jetzt gibt es Streit über die Verwendung von Steuermitteln. Uncle Sam hat den Überblick verloren.

HB SALT LAKE CITY. Es schneit heftig in Salt Lake City. Und zwar Dollarnoten. So sieht es jedenfalls "Sports Illustrated". Als das renommierte US-Magazin Anfang Dezember eine Titelgeschichte mit einem Geldschein-Sturm über dem Wasatch-Bergmassiv illustrierte, war der Aufschrei in Utah groß. Politiker wie Funktionäre ahnten, dass damit eine Lawine losgetreten war. In der Tat rollen seitdem unangenehme Fragen über Salt Lake, die sich auf den genauen Preis für die olympische Gastgeberrolle konzentrieren. Nach dem Bestechungsskandal bei der Bewerbung geht es nun um den freizügigen Einsatz von Steuergeldern. Um im Bild zu bleiben: Utah versinkt demzufolge im Geld aus der Bundeskasse und heimische Politiker sowie Geschäftsleute reiben sich die Hände.

"Die Winterspiele werden sehr teuer", schrieb die Los Angeles Times, "wie teuer? Kommt darauf an, wer die Zahlen addiert." Nach offizieller Rechnung wird das 17-tägige Weltsportfest (8. bis 24. Februar) 1,9 Milliarden Dollar verschlingen. Das Organisations-Komitee von Salt Lake (SLOC) zahlt 1,3 Milliarden Dollar, 400 Millionen Dollar schießt die US-Regierung vornehmlich für die Sicherheit zu, staatliche und lokale Behörden bringen 225 Millionen Dollar auf. Unterm Strich muss der amerikanische Steuerzahler ein Drittel der olympischen Kosten berappen. Für viele ein Unding, wo sich doch eine Stadt und nicht das Land um die Ausrichtung der Winterspiele beworben hat. Der Anteil an Steuergeldern sei "übermäßig, schändlich und unanständig", wetterte der republikanische Senator John McCain.

Einige Kritiker bestehen darauf, auch indirekte Kosten in die olympische Rechnung mit einzubeziehen. So finanzierte die Regierung den Ausbau des Highways Interstate 15 sowie die Straßenbahn Trax in Downtown Salt Lake. Diese Projekte wären zwar auch so durchgeführt worden, wurden aber wegen Olympia forciert. Addiert man deren Kosten von 1,1 Millionen Dollar, beläuft sich der stolze olympische Preis auf drei Milliarden Dollar. Eine gigantische Summe, bezahlt zur Hälfte aus Washington. Zum Vergleich: 1996 bei den Sommerspielen in Atlanta flossen 610 Millionen Dollar aus der Bundeskasse, 1984 in Los Angeles nur 75 Millionen. Die öffentlichen Ausgaben pro teilnehmenden Olympia-Athleten in Salt Lake City werden im Durchschnitt 625 000 Dollar betragen, in Atlanta waren es noch 57 000 Dollar. Der Sportler sieht von diesem Betrag übrigens keinen Penny. "Die Regierung ist ein starker Finanzpartner für Olympia", meint OK-Chef Mitt Romney. "Die Welt hat sich seit Lake Placid geändert und die Spiele viel teurer gemacht."

Der Vergleich mit den letzten US-Winterspielen macht das unglaubliche olympische Wachstum deutlich. 1980 in Lake Placid hatten die Spiele - unter Berücksichtigung der Inflation - 363 Millionen Dollar gekostet. Damals gingen 1 072 Athleten aus 37 Ländern in 38 Wettbewerben, 14 davon für Frauen, an den Start. Salt Lake City erwartet im Februar 2 400 Athleten aus 80 Ländern, die sich in 78 Wettbewerben messen werden. 34 davon sind für Frauen. Für die Sicherheit wurden in Lake Placid 23 Millionen Dollar ausgegeben, in Salt Lake City hat man den zehnfachen Betrag eingeplant. Gigantismus ohne Grenzen. Jacques Rogge will daher so schnell es geht den Rotstift ansetzen. "Die Olympischen Spiele werden kleiner, stärker, fitter", meinte der IOC-Präsident, "wir müssen die Kosten und den Umfang verkleinern."

Der von oben verordnete Abspeckkurs ist aber nur die eine Seite der Medaille. In den USA wird nun diskutiert, inwieweit die Regierung im olympischen Bewerbungsprozess der Städte involviert sein muss. Bislang lag die alleinige Entscheidungsgewalt beim Nationalen Olympischen Komitee der USA (USOC). Auf Grund der immer größer werdenden Finanzspritze aus Washington halten viele eine Reform für dringend notwendig. "Auch Kongressabgeordnete sollten mit am Tisch sitzen", meinte Senator McCain, "wir müssen endlich mitentscheiden." Eine verständliche Forderung, werden doch in Salt Lake City im Namen Olympias' geschätzte 1,5 Milliarden Dollar aus der US-Haushaltskasse abgesaugt.

Utahs nur fünfköpfige Kongress-Delegation verstand es blendend, in den vergangenen Jahren verschiedene Ministerien und Behörden zu melken, bis letztlich Uncle Sam den Überblick verlor. Auch Bürgermeister und Gemeindediener "wickelten sich die olympische Flagge um die Hüfte" (Sports Illustrated), bevor sie um öffentliche Gelder für Highway- und andere Projekte baten. Utahs Verkehrsminister Tom Warne hatte bereits 1997 erklärt: "Ohne Scham benutzen wir die Spiele, um öffentliche Gelder zu bekommen."

Die schamlose "Operation Gold" brachte auch bereits wohlhabenden Geschäftsleuten einen Geldsegen. Siehe Robert Der 75-jährige Öl-Milliardär und Besitzer des Skigebiets Snowbasin (Austragungsort der olympischen Abfahrt und des Super-G) wurde auf besondere Weise für die Unterstützung der Olympiabewerbung belohnt. In einem mysteriösen Landtausch bekam er weite Gebiete des Staatswaldes um Snowbasin zugesprochen, zudem wurde aus Steuergeldern für 15 Millionen Dollar eine Zugangsstraße gebaut. Dank Olympia erfüllte sich so sein Traum, Snowbasin in ein luxuriöses Ski-Resort zu verwandeln, um den benachbarten Park City und Deer Valley Konkurrenz machen zu können. Und dies ist kein Einzelfall.

Der eloquente wie clevere Mormone Romney lässt auf Grund der erdrückenden Arithmetik keine Gelegenheit aus, das Völkertreffen als "America's Games" zu bezeichnen. Utahs hohen Profit verschweigt er dagegen lieber.

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