Erstes TV-Duell geht an den Herausforderer
Kerry wahrt seine Chance

Einen Achtungserfolg hat John Kerry beim ersten TV-Duell mit US-Präsident George W. Bush verbuchen können. Im Zentrum des Streitgesprächs: der Irak-Krieg.

WASHINGTON. John Kerry steht wie eine Eins am Rednerpult. "Ich weiß nicht, ob George W. Bush tatsächlich weiß, was im Irak passiert", sagt der demokratische Präsidentschaftskandidat. "Die Dinge werden doch jeden Tag schlimmer." Kerrys Blick ist konzentriert, mit weit ausholenden Armbewegungen untermalt er seine Argumente. Und dann kommt der trockene Punch: "Herr Präsident, Sie haben einen falschen Krieg zur falschen Zeit am falschen Ort angezettelt." Bushs Mundwinkel zucken, er blinzelt nervös. Ein souveräner Oberkommandierender sieht anders aus.

Kerry hat sich mit der ersten Fernseh-Debatte am Donnerstagabend (Ortszeit) an der Universität von Miami (Florida) einen Achtungserfolg verschafft. Sein zentraler Vorwurf: Anstatt den wirklichen Angreifer der USA, den Terroristenführer Osama bin Laden, in Afghanistan zur Strecke zu bringen, habe Bush das Land mit falschen Angaben in den Irak-Krieg geführt. Außerdem habe die Regierung keinen realistischen Nachkriegs-Plan entwickelt, betont Kerry in der Debatte, die schätzungsweise von rund 50 Millionen Amerikanern verfolgt wird. Die USA trügen heute 90 Prozent der Verluste und 90 Prozent der Kosten, kritisiert Kerry. Er werde sich verstärkt um breitere Bündnisse im Kampf gegen den internationalen Terrorismus sowie um eine Kostenteilung bemühen, fügt der Senator von Massachusetts hinzu. Allerdings habe Amerika das Recht, zur eigenen Verteidigung präventiv und ohne die Genehmigung anderer Staaten oder internationaler Organisationen vorzugehen. Als größte Bedrohung bezeichnet er die Gefahr der Weitergabe von Atomwaffen - vor allem mit Blick auf die alten Bestände in Russland.

Bush verteidigt hingegen den Irak-Krieg vehement. Der Welt gehe es ohne Saddam Hussein besser. Kerry warf er Wankelmut vor: Immerhin habe der Demokrat im Oktober 2002 für den Irak-Krieg gestimmt, den er heute ablehne. Die USA bräuchten eine klare, verlässliche Führung. "Gemischte Signale schaden unseren Truppen, unseren Verbündeten und den Irakern", unterstreicht Bush. Die amerikanischen Soldaten würden den Irak erst dann verlassen, wenn das Land frei und stabil sei: "Wir können den Terrorismus nur besiegen, wenn wir in der Offensive bleiben." Die Schaffung demokratischer Systeme in heiklen Regionen wie dem Nahen Osten sei die beste Garantie gegen den Terror, unterstreicht der Präsident.

Auch beim Konflikt mit Nordkorea vertreten Kerry und Bush unterschiedliche Positionen. Der Demokrat plädiert für direkte Verhandlungen mit der kommunistischen Diktatur. Der Präsident beharrt hingegen auf der Fortsetzung der multilateralen Gespräche.

Kerry ist es gelungen, den Chef des Weißen Hauses über weite Strecken in die Defensive zu drängen. Diese Position widerspricht der Überlegenheit des Oberkommandierenden, mit der Bush in den vergangenen zwei Monaten die politische Diskussion im Land beherrscht hatte. Kerry hat damit noch keinen Durchruch erzielt. Aber mit seiner neuen Kampfbereitschaft konnte er den Eindruck von Schwäche ausräumen. Damit hat er seine Chance gewahrt, dem Wahlkampf eine neue Dynamik zu verleihen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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