Erstmals mehr selbst gebrannte als verkaufte Musik-Alben
Musikbranche sucht Hilfe gegen CD-Brenner

Hilflosigkeit macht sich breit. Der Umsatz der Musikindustrie fällt weiter, und ein Ende scheint nicht abzusehen. Internet und CD-Brenner setzen der Branche zu, die jetzt laut nach dem Gesetzgeber ruft.

DÜSSELDORF. Um rund 10,2 % auf 2,49 Mrd. Euro ging 2001 der Umsatz der im Bundesverband der Phonografischen Industrie vertretenen Unternehmen zurück. Und diese repräsentieren über 90 % des Gesamtmarktes. Als Hauptproblem werden, wie schon im Vorjahr, das massenhafte CD-Brennen und Internetpiraterie ausgemacht. Laut einer von der Branche bei der GfK in Auftrag gegebenen Studie haben 2001 rund 17 Mill. Personen Musik auf 182 Mill. Leer-CD gebrannt. Verkauft wurden dagegen nur 173,4 Mill. bespielte CD-Alben nach 195,1 Mill. im Vorjahr.

Alarmierend für die Musikindustrie sind auch Zahlen, die die GfK über den Online-Musikmarkt herausgefunden hat. Rund fünf Mill. Nutzer, erklärte Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände, sollen knapp 492 Mill. Lieder aus den zahlreichen Internet-Musiktauschbörsen heruntergeladen - und dann oft auf CD gebrannt - haben. Damit haben sich Befürchtungen bestätigt, dass das Vorgehen des US-Musikverbandes RIAA gegen die mittlerweile geschlossene Online-Börse Napster nicht den illegalen Download stoppen konnte. Im Gegenteil, er wächst und die Musikfans wurden nur in die Arme zahlreicher anderer Tauschringe getrieben.

Legale Onlinemusikdienste wie Realone von Real Networks leiden dagegen weiter unter der zögerlichen und oft restriktiven Haltung ihrer Lizenzgeber wie BMG, Warner oder Emi. Trotz hoher Gebühren erlauben sie etwa oft kein Brennen der geladenen Musik auf CD, so dass der Kunde die Musik immer am Computer hören muss und nicht etwa im Auto oder auf der Wohnzimmercouch vor der HI-FI-Anlage.

Illegales Angebot besonders bei CD Singles groß

Der Verkauf von CD Singles fiel von 51,1 Mill. auf 48,6 Mill. Stück. Sie sind, da billiger, besonders bei Jugendlichen beliebt, die gerade den Top-Hit ihres Lieblingsstars haben wollen. Gerade hier, so Gebhardt, ist das illegale Angebot im Internet besonders hoch.

Doch der sture Blick auf die Raubkopierer greift zu kurz. Die Branche schafft seit Jahren eine dringend notwendige Erneuerung nicht. Sie war zu lange verwöhnt durch den Boom, den der Übergang von der Vinylplatte auf die CD ausgelöst hat. Denn dieser - qualitativ für die Kunden nachvollziehbare Fortschritt - brachte viele Musikfans dazu, sich ihre Plattensammlung ein zweites Mal auf CD zuzulegen. Damals gab es keine technische Möglichkeiten, seine Sammlungen auf das neue Format zu übertragen. Die stetigen Umsätze mit alten Aufnahmen übertünchten lange bestehende Probleme und Versäumnisse. So ist es der Musikindustrie trotz jahrelanger vollmundiger Ankündigungen nicht gelungen, die älteren Musikfans wieder in die Musikläden zu bekommen. Der typische Musikkäufer ist weit unter 30 Jahre alt.

Auch der Blick über die Landesgrenzen zeigt ein differenziertes Bild. Während im größten Musikmarkt, den USA, ein Rückgang um 4,4 % zu verzeichnen ist, konnte die wichtige British Phonographic Industry (BPI) für 2001 Umsatzzuwächse von 5,3 % melden. Das ist das vierte positive Jahr in Folge. Die CD-Alben, in Deutschland auf dem Rückzug, legten nach Stückzahlen sogar um 4,4 % zu, was der Verband auch mit dem besonders guten Angebot britischer Musik begründet. Allerdings musste der Single-Bereich in England einen Einbruch um 10 % hinnehmen. In den USA kollabierte der Singlemarkt sogar um 41 % auf 31 Mill. Stück.

Doch auch hier scheint die Industrie nicht ganz unschuldig: In den USA mehren sich Proteste von Musikhändlern, berichtet der Branchendienst Musikwoche.de, dass immer mehr Musikfirmen Hits überhaupt nicht mehr auf Singles herausbringen. Es gibt sie nur noch als "Album Cut". Wer den Song will, muss also ein ganzes, viel teureres, Album kaufen. In Zeiten wirtschaftlicher Probleme der Eltern wird dies gerade für Jugendliche aber immer schwieriger. Die Musikindustrie wirft im Gegenzug den Händlern "Dumpingpreise" vor.

Die Musikindustrie setzt ihre Hoffnung jetzt auf politischen Druck und technische Barrieren. Sie verlangt schnellstens eine umfassende Neugestaltung des Urheberrechts, das die private Kopie einschränken und schon die Programmierung von Software zum Umgehen von Schutzmechanismen unter Strafe stellen soll. Gleichzeitig arbeitet sie mit Hochdruck an wirksamen Kopierschutzverfahren.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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