Archiv
Erstmals Rinderwahnsinn an Tieren aus Deutschland entdeckt

afp BERLIN/KIEL. Erstmals seit dem Beginn der BSE-Krise ist Rinderwahnsinn auch an Tieren aus Deutschland entdeckt worden. Wie das schleswig-holsteinische Agrarministerium in Kiel mitteilte, wurde "Freitagmorgen der erste Verdacht auf ein an BSE erkranktes Rind bekannt, das in Deutschland geboren wurde". Auf den Azoren wurde ebenfalls BSE an einem deutschstämmigen Rind entdeckt. Alle Importrinder auf dem Archipel sollen notgeschlachtet werden. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte, er fühle sich durch die Fälle bestätigt in der Ansicht, "dass wir in Deutschland ein Verbot der Tiermehlverfütterung durchsetzen müssen." Dieses könnte Regierungsangaben zufolge frühestens am Mittwoch in Kraft treten. Gesundheits-Staatssekretär Erwin Jordan sprach von einer "realen BSE-Gefahr". In Bonn tritt am Samstag ein Krisenstab zusammen, um über die Lage zu beraten.

Schröder sagte in Zagreb, ein Tiermittelverfütterungsverbot in Deutschland müsse "ohne Verzug" umgesetzt werden. Notwendig sei ein europäisches Verbot. Der Krisenstab solle über Maßnahmen über die Schnelltests hinaus beraten. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) erklärte, sollte sich der BSE-Verdacht bestätigen, müsse die "Schönrederei 'Deutschland ist BSE-frei'" ein Ende haben. "Wir müssen umgehend und mit allen Kräften damit beginnen, so viele Schlachttiere wie irgend möglich zu testen." BSE sei der "GAU (größter anzunehmender Unfall) der industrialisierten Landwirtschaft". Jordan forderte "Vernunft und Augenmaß". Es gebe "keinen Anhaltspunkt zu glauben, dass wir in Deutschland ein sehr großes BSE-Problem haben". Ohne massenhafte Tests könne über das Ausmaß des Rinderwahns noch gar nichts gesagt werden.

Die 1996 im Kreis Rendsburg-Eckernförde geborene Rot-Bunte Kuh wurde nach Angaben der Landesminister am Mittwoch (rpt. Mittwoch) in Itzehoe geschlachtet. Nachdem ein freiwilliger BSE-Schnelltest positiv verlief, wurde das Fleisch des Schlachttieres sofort sichergestellt; der Schlachthof wurde geschlossen und der Rinderbetrieb gesperrt. Endgültige Untersuchungsergebnisse sollten Anfang kommender Woche vorliegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Verdacht nicht erhärte, liege aber nur bei fünf bis zehn Prozent.

Schleswig-Holsteins Agrarministerin Ingrid Franzen kündigte an, die Fütterung des BSE-Verdachtstieres aus ihrem Bundesland werde lückenlos nachvollzogen. "Alle Tiere, die das gleiche Futter erhalten haben, werden getötet", betonten Franzen und Landesumweltminister Klaus Müller (Grüne). Müller betonte, wenn die Untersuchungen im Tübinger Referenzlabor ebenfalls einen positiven BSE-Befund ergäben, würden alle Rinder des Herkunftsbestandes getötet. Zudem würden nun schnellstmöglich BSE-Tests bei allen Schlachttieren über 30 Monate eingeführt.

Auch Bayern führte "unverzüglich" BSE-Tests für alle Schlachtrinder über 30 Monate ein. Nach Vorgaben der EU müssen ab dem 1. Januar nur auffällige Risiko-Rinder ab diesem Alter getestet werden. Auch Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) sprach sich für einen solchen Schritt aus. Der Fall in Schleswig-Holstein habe gezeigt, dass ohne Tests auch in Deutschland BSE-Tiere in die Nahrungskette geraten könnten.

Nach Angaben der portugiesischen Gesundheitsbehörden wurde das auf den Azoren an BSE erkrankte Rind am 23. September 1995 in der Region um Hannover geboren und gut drei Jahre später auf die Azoren-Insel Sao Miguel exportiert. Das Agrarministerium in Magdeburg erklärte, die Kennzeichnung der Milchkuh deute "auf die Herkunft des Tieres aus Sachsen-Anhalt hin". Ab sofort dürften keine Tiere mehr den betroffenen Zuchtbetrieb verlassen oder in diesen hinein kommen. Die Azoren waren vom BSE-Embargo der Europäischen Union gegen Portugal ausgenommen worden, weil die dort lebenden Rinder das ganze Jahr über auf Weiden leben und naturgerecht gefüttert werden. In Deutschland waren in den vergangenen Jahren sechs BSE-Fälle entdeckt worden. davon fünf aus Großbritannien und einer aus der Schweiz.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%