Erstnotiz in Paris, Madrid und Luxemburg – Vorstandschef lobt Standort in Eisenhüttenstadt: Arcelor bereitet Zukauf in den USA vor

Erstnotiz in Paris, Madrid und Luxemburg – Vorstandschef lobt Standort in Eisenhüttenstadt
Arcelor bereitet Zukauf in den USA vor

Der frisch fusionierte Stahlkonzern Arcelor hat große Pläne. Nach seiner Erstnotiz am Montag will er den Aufwärtstrend im Stahlzyklus nutzen und in den USA auf Einkaufstour gehen. So will er zum wichtigen Lieferanten für die US-Autohersteller werden. Der Zeitpunkt ist günstig: Auch in den USA steckt die Branche noch im Tief.

HB PARIS. Der europäische Stahlkonzern Arcelor S.A., Luxemburg, drängt in die USA. Diese sind ein wichtiger Markt vor allem bei beschichteten Blechen für die Autoindustrie. Bei denen sieht sich der Konzern, dessen Aktien heute in Paris, Madrid und Luxemburg erstmals notiert werden, schon als die Nummer eins. Arcelor hat große Ziele: "Weltweit wird ein Drittel aller Autos in Amerika produziert, und wir beliefern den US-Markt mit Importen", sagte Vorstandschef Guy Dollé im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Das kann nicht so bleiben."

Dollé, der nach der Fusion der Vorläuferkonzerne Usinor S.A., Paris, Arbed S.A., Luxemburg, und Aceralia S.A., Pamplona, die Führung des mit 45 Mill. Tonnen Kapazität weltweit größten Stahlkonzerns übernommen hat, will die Gunst der Stunde nutzen. Denn die US-Stahlbranche steht vor einer Revolution. Inzwischen verhandeln der hoch defizitäre Branchenprimus USX Corp., Pittsburgh/Pennsylvania, bereits mit der Nummer drei, Bethlehem Steel Corp., über eine Fusion. Konkurrenten sind eingeladen, im Falle eines Erfolges der Verhandlungen sich dem neuen Unternehmen anzuschließen. Damit begänne nach Einschätzung von Marktexperten in der stark zerklüfteten Branche ein dringend notwendiger Konzentrationsprozess. Mehrere US-Stahlhersteller kämpfen ums Überleben: Allein 26 Firmen haben Konkursverfahren eingeleitet, Bethlehem selbst hatte im vorigen Oktober Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Konkursrechts beantragt.

"In diesem Prozess können sich Kaufgelegenheiten bieten", sagte Dollé. Allerdings müsse man die Kosten bestehender Sozialverpflichtungen und Umwelt-Altlasten genau prüfen. Dollé hofft auf einen Effekt wie am Standort Eisenhüttenstadt in Brandenburg. Für den wollte nach der Wende kaum jemand einen Pfifferling geben. "Heute ist das Werk ein Musterbeispiel an Zuverlässigkeit und Qualität", meint der Arcelor-Chef. Die hohen Kosten für die weite Anlieferung von Vorprodukten würden von der Nähe zu Volkswagen mehr als wettgemacht, sagt Dollé. "Inzwischen hatten wir sogar Interessenten für Eko-Stahl. Aber wir denken gar nicht daran zu verkaufen."

Auf einer Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat werden am 1.3.2002 die Weichen für die US-Expansion gestellt. Allerdings könne Arcelor bei einer US-Akquisition "nicht mit leichter Hand Milliarden ausgeben", sagt Dollé. "Das erlaubt unsere Bilanz nicht: Wir sind vernünftig finanziert, aber relativ hoch verschuldet."

An einer echten Akquisition in Amerika führe aber kein Weg vorbei. "Das Modell unserer Kooperation mit Nippon Steel taugt für Amerika nicht." Mit dem zweitgrößten Stahlkonzern der Welt forscht Arcelor gemeinsam, außerdem bereitet man einen gemeinsamen Produktekatalog vor. "Kommerziell konkurrieren wir aber heftig." Möglicherweise kommt dem Arcelor-Boss bei seinen Einkaufsplänen auch der ausgeprägte Branchenzyklus im Stahlgeschäft zu Hilfe: Den Mengenschwankungen von plus/minus 5 % und Preisdifferenzen von 25 % nach oben und unten folgen auch die Aktienkurse. Institutionen kaufen Stahlaktien gern in Baissephasen - wie derzeit.

So hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Analysten die Aktien der Arcelor-Vorläuferkonzerne empfohlen. "Für uns ist der neue Stahlkonzern ein einzigartiges Investment", meint ein Branchenanalyst bei ING Barings. Die Gruppe wolle bis 2006 rund 700 Mill. Euro Synergien realisieren.

UBS Warburg hat die Aktie des Vorläufers Usinor auf "starker Kauf" hoch gestuft - ein Urteil, das viele Analysten auch auf den Nachfolger Arcelor übertragen. Die Ergebnisse für das Krisenjahr 2001 liegen noch nicht vor, die Stahlanalysten der Société Générale gehen von 150 Mill. Euro Verlust aus. Doch schon im laufenden Jahr soll der Konzern bei 26 Mrd. Euro Umsatz 500 Mill. Reingewinn abwerfen, ein Jahr später dann bei einer operativen Marge von bis zu 8,1 % zwischen 600 Mill. Euro und 950 Mill. Euro. Dollé kann das nur recht sein: Steigt der Kurs der heute in Paris, Luxemburg und Madrid erstmals notierten Arcelor-Aktie, sinkt über den höheren Eigenkapitalausweis die mit offiziell 55 % hohe Verschuldungsquote des Unternehmens. Das eröffnet finanzielle Spielräume.

Ein Sprung nach Amerika wäre für den Konzern überdies lukrativ. "In den USA liegen die Preise bis zu 20 % höher", weiß Dollé, denn der Konzern produziert etwa in Pittsburgh/Pennsylvania schon in kleinem Umfang rostfreien Stahl. Vor allem aber: Anders als in Europa ist die Nachfrage am US-Markt größer als die heimische Produktion, ohne Importe geht es also nicht.

So wendet sich Dollé mit Nachdruck gegen die Pläne des US-Präsidenten Bush, der bis März über Schutzzölle bis zu 40 % auf Stahlimporte entscheiden will. "Amerikas Stahlindustrie steht heute vor ähnlichen Problemen wie wir in Europa Anfang der 80er Jahre."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%