Ertragskrise bei den Kreditinstituten verlangt kräftiges Gegensteuern
Banken stehen erneut vor schwierigem Jahr

Über einen Mangel an Problemen können sich Banken und Sparkassen nicht beklagen. Rote Zahlen im Kerngeschäft, hohe Risikovorsorge, Konjunktur- schwäche, Börsenflaute und Pleitewelle - mit einer Entspannung ist im nächsten Jahr nicht zu rechnen.

HB FRANKFURT/M. Guter Rat ist in diesen schwierigen Zeiten für die deutsche Kreditwirtschaft nicht teuer. Wie Weihnachtskarten flattern die Verbesserungsvorschläge in bunter Vielfalt auf die Schreibtische der Vorstände. So reihte sich auch Bundesbank-Präsident Ernst Welteke kurz vor dem Fest ins Heer der ungebetenen Berater, um den Banken "Fehler in der Geschäftsstrategie" vorzuwerfen: "Man hat sich sehr spät auf den Weg des Investmentbanking begeben. Und das mit einer Dynamik und Aggressivität, die erhebliche Kosten verursacht," stellte Welteke kritisch fest.

Weltekes Haus übt gemeinsam mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) Kontrollfunktionen in den Geldhäusern aus und verfügt daher über privilegierte Erkentnisse. Derjenige freilich, der noch besser als Welteke über den Zustand und die Perspektive der hiesigen Geldbranche Bescheid weiß, hüllt sich in den letzten Monaten in eisernes Schweigen: BAFin-Chef Jochen Sanio lehnt es zur Zeit strikt ab, öffentlich über die Banken, ihre Probleme und mögliche Therapien zu reden.

Reges Treiben hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen sind Sanio und seine Kollegen umso aktiver: Viel häufiger als früher nehmen BAFin-Mitarbeiter an Aufsichtsratssitzungen von Banken teil und verlangen - als Beispiel - Kurskorrekturen bei der Kreditvergabe. Heftiger als früher greifen die Kontrolleure ein, um mitzuhelfen, dass sich die Ertragskrise der Banken nicht zu einer handfesten Bankenkrise auswächst, die dann womöglich sogar zu neuen Pleiten führen könnte. Öffentlich wird zwar jeder Hinweis auf Crash-Szenarien vermieden. Aber hinter vorgehaltener Hand wird bestätigt, dass Vorbereitungen laufen.

Es ist also nicht auszuschließen, dass es im nächsten Jahr wieder zu Konkursen oder Schieflagen bei Finanzdienstleistern zwischen Flensburg und Freiburg kommt. Letztes Jahr waren die Schmidt-Bank im bayerischen Hof, in diesem Jahr gerieten die Kölner Privatbank Delbrück und die Frankfurter Gontard&Metallbank in Turbulenzen und zwangen damit die Bankenaufseher zum Eingreifen. Und böse Zungen dichteten in diesem Jahr auch der Commerzbank Liquiditätsprobleme an, was den Aktienkurs der zweitgrößten Frankfurter Großbank zeitweise auf ein Drittel des Buchwerts sinken ließ. Erhärtet haben sich diese Gerüchte bislang nicht.

Dennoch könnte die eine oder andere Sparkasse, Volksbank oder auch Privatbank 2003 ins Wanken geraten - wenn sich die Börsenflaute weiter verschärft, wenn es zu einer Rezession mit einer neuen Pleitewelle kommt, so dass neuer Wertberichtigungsbedarf im Kredit- und Beteiligungsportfolio auf dieses oder jenes Institut zukommt. Die meisten Banken haben die stillen Reserven in den letzten Monaten und Jahren verbraucht, neue Löcher sind kaum zu stopfen. Je nachdem, ob und wie weit sich die Wirtschaftskrise zuspitzt, kann es dann zu echten Liquiditätsproblemen bei einzelnen Banken kommen.

Zu finsteres Szenario

Kann es im schlimmsten Fall womöglich auch die Commerzbank oder die Münchener Hypo-Vereinsbank (HVB) treffen? Experten verneinen diese Frage mit der Begründung, beide Häuser seien "too big to fail", zu groß, um in die Knie zu gehen. Für diese Fälle ist mit Auffanglösungen in großem Stil zu rechnen, wie sie im Verbund der Sparkassen und Genossenschaftsbanken bei schwächelnden Brüdern und Schwestern immer wieder gezimmert werden.

Dies aber ist ein finsteres Szenario, über das öffentlich keiner der Beteiligten auch nur nachdenken möchte. Offiziell setzt die Finanzbranche auf gedämpften Optimismus: Die drastischen Kostensenkungsmaßnahmen, die dieses und letztes Jahr eingeleitet wurden, so heißt es, würden 2003 erste Früchte tragen. Selbst bei schwacher Konjunktur, einer Seitwärtsbewegung der Börsen und eines weiter gebremsten Kapitalmarktgeschäfts hoffen die Institute durchweg auf etwas bessere Ergebnisse.

Man muss kein Prophet sein, um vor diesem Hintergrund eine beschleunigte Fortsetzung des Konsolidierungsprozesses vorherzusagen. Es wird zu Fusionen und Übernahmen kommen, auch grenzüberschreitend. Eine Annäherung von Commerzbank und Hypo-Vereinsbank ist möglich, aber auch andere Konstellationen mit anderen Partnern. Wenn sich herausstellt, dass sich die Probleme im Innern beider Häuser lösen lassen, dürfte es diverse Interessenten geben.

Zu spürbaren Fortschritten sollte es auch im Back-Office kommen, bei der sektorübergreifenden Zusammenarbeit der drei Säulen Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Es gibt keine Alternative dazu, etwa beim Zahlungsverkehr, der Wertpapierabwicklung und dem Aufbau von Kreditfabriken zusammenzuarbeiten.

Das würde die Kosten der immer noch viel zu teuren Verwaltungsapparate senken. Und das muss nicht gleichzeitig zu einer Einschränkung des Wettbewerbs führen: Auch mit einem Maximum an Outsourcing wird es den Konkurrenzdruck, der die deutsche Bankenlandschaft kennzeichnet, noch lange geben - zum Wohl der Kunden.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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