Erwarteter Schritt
EZB senkt Leitzinsen deutlich um 50 Basispunkte

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen in der Euro-Zone angesichts der schwachen Konjunktur und rückläufiger Inflation deutlich um 50 Basispunkte gesenkt. Der Schlüsselzins sei auf 3,25 (3,75) Prozent gesenkt worden, teilte die EZB am Donnerstag nach der Ratssitzung in Frankfurt mit.

Reuters FRANKFURT. Das Bundesfinanzministerium (BMF) begrüßte den Schritt ebenso wie Wirtschaftsverbände und Volkswirte. Damit haben sowohl die EZB als auch die US-Notenbank Fed und die Bank of England in dieser Woche die Leitzinsen einen halben Prozentpunkt verringert, um den starken Wirtschaftsabschwung zu bremsen. Der Euro legte zeitweise knapp einen drittel US-Cent auf bis zu 89,88 $ zu, gab dann aber wieder nach. Die Renten legten deutlich zu. Der Dax profitierte nur kurzzeitig.

Die EZB begründete die Entscheidung vorerst nicht. Um 14.30 Uhr MEZ wird EZB-Chef Wim Duisenberg den Beschluss vor der Presse erläutern. Den Zinskorridor für den Geldmarkt reduzierte die EZB ebenfalls um einen halben Prozentpunkt auf 2,25 % für Übernachteinlagen und 4,25 % für Übernachtkredite. Die EZB hat damit in diesem Jahr die Zinsen vier Mal um insgesamt 150 Basispunkte gesenkt. Die Fed hat den Schlüsselzins sogar schon in zehn Schritten um 4,5 %punkte auf 2,0 % heruntergeschraubt, um die schwache US-Wirtschaft zu stützen. Eine Rezession scheint in den USA dennoch unausweichlich.

Ein BMF-Sprecher sagte wenige Minuten nach dem Zinsschritt in Berlin: "Wir begrüßen das sehr." Finanzminister Hans Eichel (SPD) unterstreiche zugleich, dass die Bundesregierung bestrebt sei, ihren Konsolidierungskurs fortzusetzen und auch weiterhin die Kriterien des EU-Stabilitätspaktes einzuhalten. Analysten lobten Zeitpunkt und Ausmaß der Senkung. "Hervorragend gemacht, die Senkung um 50 Basispunkte ist das richtige Signal", sagte Otmar Lang von Deutsche Bank Research. Viele Volkswirte hatten wegen der sich weiterhin verdüsternden Konjunkturaussichten mit einer Zinssenkung gerechnet, die der Wirtschaft auf die Beine helfen könnte.

Nach der Zinssenkung der Fed war an den Finanzmärkten die Erwartung gestiegen, dass die EZB ebenfalls um einen halben Prozentpunkt heruntergehen würde. Die Aussichten für das Wachstum in der Euro-Zone verschlechtern sich Analysten zufolge zunehmend, denn die Schwäche der US-Wirtschaft nach den Anschlägen vom 11. September könnte das Wachstum in der Euro-Zone dämpfen. So hatten jüngste Wirtschaftsdaten aus Deutschland abermals dokumentiert, dass die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone am Rande einer Rezession steht, wie bereits die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute gewarnt hatten. Die Aufträge der Industrie in Deutschland sanken im September um 4,1 % zum Vormonat nach plus 0,8 % im August. Die Produktion schrumpfte um saisonbereinigt 2,0 % nach einem Zuwachs von 2,2 % im August.

Unternehmen und Verbraucher in der Euro-Zone sind so pessimistisch wie seit Jahren nicht mehr. Die EU-Kommission prognostiziert inzwischen nur noch 1,7 % Wachstum in der Euro-Zone in diesem Jahr, gut einen Prozentpunkt weniger als in ihrer Frühjahrsprognose. Mit einem 1,8 % Wachstum wird für das kommende Jahr kaum Besserung erwartet.

EZB-Präsident Duisenberg hatte nach Einschätzung von Analysten mit seinen Äußerungen am Montag zudem deutlich die Handlungsbereitschaft der EZB signalisiert. Duisenberg hatte gesagt, die Inflation werde Anfang 2002 deutlich unter die EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent fallen und auf dem niedrigeren Niveau verharren. Die Teuerungsrate hat sich in der Euro-Zone seit dem Achtjahreshoch von 3,4 % im Mai bis auf vorläufig 2,4 % im Oktober verringert. Für die EZB, deren oberstes Ziel ein stabiles Preisniveau auf mittlere Sicht ist, gibt die Aussicht auf sinkende Inflation grünes Licht für niedrigere Leitzinsen.

"Gott sei Dank hat die EZB die Zinsen um 50 Basispunkte gesenkt. Ich halte dies für einen zwingend notwendigen Schritt", brachte Klaus Schrüfer von der SEB Erleichterung zum Ausdruck. Die EZB sei der Fed und der Bank of England gefolgt. Der Schritt sei notwendig gewesen, weil die Konjunkturindikatoren klar nach unten zeigten und es keine Inflationsrisiken gebe. "Wir haben gesehen, dass auch Europa in eine Rezession geraten kann." Lothar Hessler von HSBC Trinkaus sagte, für die Euro-Zone könnte eine Rezession mit der Zinssenkung verhindert werden. "Für Deutschland ist das allerdings unsicher." Nach Einschätzung der Analysten sind weitere Zinssenkungen in diesem Jahr nicht ausgeschlossen, aber für die nächste Zeit werde die Diskussion darüber zunächst nachlassen.

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