Erwartungen übertroffen
Tschernobyl-Sarkophag wird für 715 Millionen $ saniert.

Der Katastrophenreaktor erhält eine neue Betonhülle. Nachdem einige Staaten ihre Zusagen aufgestockt haben, steht auch die Finanzierung.

dpa BERLIN/KIEW. Mit der dringend notwendigen Sanierung der Betonhülle um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl kann begonnen werden. Insgesamt stehen dafür nun 715 Mill. $ zur Verfügung, sagte Bundesumweltminister Jürgen Trittin am Mittwoch nach der zweiten Tschernobyl-Geberkonferenz in Berlin. Das seien 90 % der Summe, die benötigt werde.

Auf einer dritten Geberkonferenz sollen die restlichen zehn Prozent der insgesamt notwendigen 768 Mill. $ (rund 1,58 Mrd. DM) aufgebracht werden. Dieses Treffen könnte am 15. Dezember - am Tag der Abschaltung des letzten noch im Betrieb befindlichen Reaktorblocks von Tschernobyl - in Kiew sein. Die Schutzhülle soll den Austritt radioaktiver Stoffe verhindern.

Die internationale Staatengemeinschaft konnte auf der Berliner Konferenz insgesamt 335,6 Mill. Euro (etwa 671,2 Mill. DM) aufbringen, hieß es. Einige Staaten, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland, hätten ihre Zusagen noch einmal aufgestockt. Deutschland zahlt nach Angaben des Umweltministeriums nun insgesamt 100 Mill. $.

"Auf dieser Grundlage können wir mit dem Projekt schnell beginnen", sagte Trittin. Außenminister Joschka Fischer bezeichnete die Konferenz als "großen Erfolg". "Unsere Erwartungen wurden noch übertroffen." Er begrüßte ausdrücklich die Schließung des letzten Tschernobyl-Blocks. Fischer bezeichnete dies als mutigen Schritt der Ukraine, die erhebliche Energieversorgungsprobleme habe.

Charles Frank, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau, sprach von einem "Geschenk für die Menschheit". Sowohl Fischer als auch Trittin sagten dem Land Unterstützung bei der Förderung von Energien im nicht-nuklearen Bereich zu.

Der ukrainische Regierungschef Viktor Juschtschenko bekräftigte den Beschluss, den letzten Reaktorblock in Tschernobyl abzuschalten. "Das war keine einfache Entscheidung", sagte er im Zusammenhang mit der mangelnden Energieversorgung in seinem Land. Er hielt jedoch an seinem Plan fest, zwei Atomreaktoren in der Westukraine mit Hilfe westlicher Kredite in Höhe von 1,4 Mrd. $ fertig zu bauen. Im Gegensatz zu den USA und Frankreich hat sich die Bundesregierung bislang gegen Atomkredite für die Ukraine ausgesprochen.

Unterdessen forderte die Ukraine deutsche Unternehmen auf, sich am Bau von Gas- und Kohle-Kraftwerken als Ersatz für die Stilllegung des Atommeilers Tschernobyl zu beteiligen. Dies sei ein Zugeständnis an die Anti-Atom-Politik der rot-grünen Bundesregierung, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax eine Sprecherin Juschtschenkos.

Fischer erklärte, die Konferenz sei von besonderer Bedeutung für die internationale Staatenkonferenz. "Auch heute noch hat die Tschernobyl-Katastrophe schlimme Spätfolgen für die Betroffenen", sagte Fischer. "Es besteht weiterhin die Gefahr, dass der Sarkophag nicht hält." Es gebe nun Hoffnung, dass die Voraussetzungen vorlägen, den Reaktor mittelfristig zu sichern.

Die Katastrophe von Tschernobyl gilt als der bislang schwerste Unfall bei der zivilen Nutzung der Atomenergie. Am 26. April 1986 um 01.23 Uhr geriet der Reaktor außer Kontrolle. Sekunden später sprengten Explosionen das Gebäude. Glühende Trümmer und spaltbares Material wurde hinausgeschleudert, eine radioaktive Wolke breitete sich in alle Richtungen aus.

Nach dem schweren Unglück im Block vier war innerhalb weniger Monate ein Mantel aus Beton und Stahl um den explodierten Reaktor gebaut worden. Er ist inzwischen aber so beschädigt, dass ein Einsturz droht.

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