Erwartungen vor der Sitzung der Europäischen Zentralbank am Mittwoch
Märkte gehen von Zinssenkung der EZB aus

Für die Masse der Bankvolkswirte ist es eine ausgemachte Sache: Am Mittwoch wird die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 4,5 % senken. Diese Mehrheitserwartung äußern Ökonomen in Umfragen; eine Minderheit sieht ein Minus von 0,5 Prozentpunkten. Auch an den Märkten ist die Zinssenkung schon fast vollzogen.

FRANKFURT/M. Am Geldmarkt ist die Rede von einem möglichen neuen Bieterstreik beim Zinstender am Dienstag. Die Tagesgeldsätze tendierten zuletzt leichter, unter dem Mindestbietungssatz von 4,75 %. Eine rasche Zinssenkung ist auch in den Forward-Rates eingepreist: Auf einen Monat Sicht wurde Drei-Monats-Geld zum Wochenschluss mit Sätzen um 4,4 % gehandelt. Nach Marktmeinung ist die erwartete Zinssenkung im April der Beginn einer Zinssenkungsrunde. Käme die EZB den in den Forward-Rates sichtbaren Erwartungen nach, dann müsste sie bis zum Herbst die Zinsen zweimal um je 0,25 Prozentpunkte senken. Einzelne Bankvolkswirte rechnen gar mit einem Minus um 0,75 Prozentpunkte.

So deutlich diese Erwartungen sind, so wenig eindeutig ist, ob die EZB am Mittwoch den Ruf der Märkte erhören wird. Die jüngsten Äußerungen der EZB-Ratsmitglieder variieren die Stellungnahme, die Frankreichs Notenbankchef Jean-Claude Trichet beim deutsch-französischen Wirtschaftsrat am 30. März überraschend - und wohl nicht im EZB-Rat abgesprochen - verlesen hatte.

Die EZB betonte in der Erklärung ihre abwartende Haltung und verwies auf die erhöhte Unsicherheit über die weltwirtschaftliche Lage. Die Risiken für die Preisstabilität hätten abgenommen. Ein etwas geringeres Wirtschaftswachstum in diesem Jahr werde dazu beitragen, den heimischen Preisdruck zu vermindern. Seither hat sich von den Wirtschaftsdaten her nicht viel geändert. Das Risiko einer Rezession in den USA ist nicht klarer abzuschätzen. Stimmungsumfragen deuten eine leichte Besserung an, während die Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag auf eine Verschlechterung hinweisen. Erstmals seit sieben Monaten war im März die Beschäftigtenzahl gesunken, so stark wie nie seit November 1991. Insgesamt bleibt das Bild, dass die US-Wirtschaft zwar auf der Kippe steht, möglicherweise aber auch schon den Tiefpunkt erreicht hat. Dann wären die außenwirtschaftlichen Risiken für die Euro-Konjunktur nahezu vorbei, bevor sie massiv zu wirken begonnen hätten.

Euro-Land im globalen Stimmungsstrudel

Von der realwirtschaftlichen Seite her ist es aus EZB-Sicht wichtiger, wie sehr Euro-Land sich in den weltwirtschaftlichen Vertrauensstrudel hineinziehen lässt. Das Industrievertrauen hat im März kaum nachgegeben. Rückläufige Auftragseingänge in Italien (Januar) und ein geringer als erwartetes Plus in Deutschland (Februar) belasten aber die Aussichten. Für die heute anstehende Veröffentlichung deutscher Erzeugungerpreise vom Februar wird eine Abschwächung der guten Vormonatsergebnisse erwartet.

Das Konsumentenvertrauen pendelte bis zuletzt auf hohem Niveau. Zusammen mit dem robustem Einzelhandelsverkauf (Januar) stimmt das optimistisch, dass der private Konsum Wachstumsstütze bleiben könnte. Doch dabei könnte der Arbeitsmarkt stören: Die deutsche Arbeitslosenzahl stieg im März.

Noch sind diese Daten kompatibel mit der Ansicht, das Wachstum im Euro-Raum falle heuer auf zwei bis 2,5 % und damit auf seine Potenzialrate zurück. So manchem Volkswirt ist deshalb bei der Prognose einer Leitzinssenkung nicht recht wohl. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei eine Zinssenkung nicht "zwingend erforderlich", meint die Commerzbank. Die DGZ-Deka Bank, - die noch keinen Zinsschritt erwartet, bezeichnet die Leitzinsrate von 4,75 % als neutral, wenn auch am oberen Rande.

Unsicher ist die Erwartung, ob die Preisgefahren abnehmen. Nicht nur die Commerzbank prognostiziert eine steigende Kerninflationsrate. Und die allgemeine Teuerungsrate könnte vorerst auf hohem Niveau verharren und vielleicht noch leicht klettern, in Folge der Belastungen an den Agrarmärkten. Diese sind zwar einmalig, bieten aber selbst für eine vorausschauende Zinssenkung kein gutes Umfeld. So warnte der niederländische Notenbankpräsident Nout Wellink nachdrücklich davor, die Teuerung als ein Signal für höhere Lohnabschlüsse zu nehmen.

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