Erweiterung des Frankfurter Flughafens
Hessische Regierung beschließt Bau einer Nordwest-Landebahn

Im Nordwesten des Frankfurter Flughafens soll nach dem Willen von CDU und FDP eine neue Landebahn gebaut werden. Darauf haben sich die Regierungsparteien nach getrennten Sitzungen verständigt. Ministerpräsident Roland Koch sagte am Samstag, die Strecke sei mit vergleichsweise geringeren Waldverlusten und Lärm für die Anwohner verbunden. Zudem könnten bis zu 100 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Flughafen AG (FAG) begrüßte die Vorentscheidung. Die Reaktion der Opposition fiel uneinheitlich aus: Während die SPD ihre Zustimmung an Bedingungen knüpfte, lehnten die Grünen die Entscheidung ab. Kritik kam auch von den Kommunen. Der Mainzer Oberbürgermeister kündigte Klagen an, um den Ausbau im Kelsterbacher Wald zu verhindern.

dpa/rtr/ap/HB FRANKFURT/MAIN/WIESBADEN. Ministerpräsident Koch sprach von einer schwierigen Entscheidung unter den drei Varianten. Die Politik müsse die Belastungen für die Bewohner gegen die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens abwägen. Die Nordwestbahn verspreche die geringste Belastung und den größten Nutzen. Nach Auffassung des Ministerpräsidenten soll der Ausbau mit einem Nachtflugverbot und weiterer Lärmreduzierung verbunden sein. Eine Selbstverpflichtung der Airlines sei zu wenig, sagte Koch.

Bei der Abstimmung von CDU-Landesvorstand und Landtagsfraktion gab es nur zwei Nein-Stimmen. Bei der FDP war der Widerstand größer. Mit zehn zu sechs Stimmen wurde die neue Piste vom Landesvorstand gebilligt.

Bereits im Juni hatte der Landtag dem - in der Bevölkerung umstrittenen - Ausbau grundsätzlich zugestimmt. Mit einer endgültigen Entscheidung des Wirtschaftsministeriums ist allerdings erst nach Ende des Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahrens in einigen Jahren zu rechnen.

Flughafengesellschaft will neue Bahn von 2006 an nutzen

Mit der vierten Bahn können nach Berechnungen der Flughafengesellschaft 660 000 Flugbewegungen pro Jahr (1999: 440 000) erreicht werden. Bei der Nordwestvariante müssten die Flieger die Autobahn Frankfurt-Köln und eine ICE-Trasse überqueren, um zu den Terminals zu kommen.
Der Rhein-Main-Flughafen verfügt über zwei parallele Start- und Landebahnen sowie die Startbahn West, die quer zu den übrigen Bahnen verläuft und gegen heftigen Widerstand aus der Bevölkerung gebaut wurde. Die Landebahn im Kelsterbacher Wald würde vom Flughafen aus gesehen jenseits der Autobahn 3 parallel zu den beiden alten Start- und Landebahnen verlaufen. Nach dem Willen der Flughafengesellschaft soll die neue Bahn möglichst bereits 2006 in Betrieb gehen. Für das Jahr 2015 strebt die FAG 120 Starts und Landungen pro Stunde statt bisher 78 an. 1999 wurden auf Rhein-Main 46 Millionen Passagiere abgefertigt, weltweit steht der Flughafen damit an siebter Stelle.

Neben der Landebahn im Kelsterbacher Wald waren zuletzt zwei weitere Ausbauvarianten im Gespräch: Zum einen eine Landebahn im nordöstlich gelegenen Schwanheimer Wald jenseits der A3. Zum anderen die so genannte Südvariante mit einer Start- und Landebahn, die im Süden parallel zu den alten Pisten verlaufen könnte. Allerdings müsste dafür nach dem Willen der Mediatoren die quer verlaufende Startbahn West stillgelegt werden, was sowohl Koch als auch die FAG ablehnen. Die Variante im Schwanheimer Wald dagegen würde mit lediglich 112 möglichen Starts und Landungen die Kapazitätsziele nicht erfüllen.

Die hessische SPD kündigte Unterstützung der Regierungsposition an. In einer in Wiesbaden veröffentlichten Erklärung von SPD-Landeschef, Bundesfinanzminister Hans Eichel, hieß es, wenn sich Kochs Vorschlag nach allen Prüfungen als die beste Variante erweise und die Anforderungen des Mediationsverfahrens erfülle, werde die SPD den Vorschlag mittragen. Die Grünen und Bürgerinititativen dagegen krisitieren den Ausbau grundsätzlich. Es sei unverantwortlich, 140 000 Menschen zusätzlich mit Lärm zu belasten statt nach Wegen zu suchen, die bestehenden Bahnen besser auszunutzen, wodurch der Flughafen auch ohne Ausbau eine gute Zukunftsperspektive hätte, sagte Fraktionschef Tarek Al-Wazir.

Mainz will hessische Entscheidung anfechten

Die Flughafen-Anliegergemeinden Kommunen wollen sich gegen einen Ausbau zur Wehr setzen und werteten den Beschluss als verfrüht. Protest kam auch aus der rheinland-pfälzsichen Landeshauptstadt. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte, das Land werde zur Wahrung der Mainzer Interessen alle rechtlichen Mittel ausschöpfen: "Die Variante, bei der Hessen den Nutzen und Rheinland-Pfalz den Lärm hat, wird nicht gehen." Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel bezeichnete einen Flughafenausbau im Kelsterbacher Wald als die denkbar schlechteste Lösung für seine Stadt. Mainz werde alle politischen und rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um diesen Ausbau zu verhindern.

"Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Menschen unserer Stadt", beklagte sich der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Flörsheim, Hans Franssen (SPD). Der Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD) sieht seine Stadt unter einem "kompletten Lärmteppich" verschwinden. Von der "schlechtesten aller Alternativen" sprach der Hochheimer Bürgermeister Harald Schindler (SPD). Als "Affront gegen die Menschen in der betroffenen Region" bezeichnete der Landrat des Kreises Groß-Gerau, Enno Siehr (SPD), das Flughafenvotum. Der Landrat des Main-Taunus-Kreises, Berhold Gall (CDU), sprach von einer verheerenden Entscheidung.



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