Erzeugerpreise für Rindfleisch um 30 Prozent gefallen
Bauernverband will BSE-Schlachtprogramm durchsetzen

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner hat an den Bund appelliert, sich wegen einer dramatischen Existenzkrise der Bauern zu der umstrittenen Vernichtung von 400 000 deutschen Rindern durchzuringen.

Reuters BERLIN. In Folge der BSE-Krise sei der Absatzmarkt für Rindfleisch zusammengebrochen, sagte er am Mittwoch in Berlin. Die 227 000 deutschen Rinderzüchter erlitten drastische Einkommensverluste. Agrarministerin Renate Künast (Grüne) prüft, ob das EU-Schlachtprogramm umgesetzt wird. Verbraucherverbände äußerten Verständnis für die Massenschlachtung. Die Lebensmittelindustrie erklärte, der Verbraucher müsse wieder lernen, dass sichere Lebensmittel ihren Preis hätten.

Sonnleitner zeichnete vor Journalisten ein dramatisches Bild der Lage auf den Bauernhöfen. In den Ställen werde kein Platz mehr gefunden für die unverkäuflichen Rinder. Wer überhaupt Schlachttiere verkaufen könne, erleide mindestens 500 Mark Verlust pro Tier. Bedroht seien durch die BSE-Krise auch Tausende Arbeitsplätze in der Fleisch verarbeitenden Industrie. "Das ist der Notfall", sagte Sonnleitner am Tag vor Beginn der Agrarmesse "Grüne Woche" in Berlin. Es bleibe nur das Verbrennen der Tiere, als "die aller, allerletzte Lösung".

Die Europäische Union (EU) hatte im Dezember beschlossen, zur Stützung des einbrechenden Rindfleischmarktes Mittel für den Aufkauf und die Vernichtung von zwei Mill. Rindern im Alter von über 30 Monaten bereitzustellen. In Deutschland wären bis zu 400 000 Rinder oder rund 2,7 % des Gesamtbestandes betroffen. Bisher fehlt die Zustimmung der Bundesregierung, die zu 30 % an den Kosten der Massenschlachtung beteiligt wäre. Künast lässt derzeit prüfen, ob es Alternativen zur Verbrennung der Kadaver gibt, etwa Exportmöglichkeiten für negativ BSE-getestetes Fleisch in außereuropäische Länder.

EU-Agrarkommissar Franz Fischler verteidigte in Berlin das Schlachtprogramm. Damit solle den Interessen der Bauern Rechnung getragen werde, die alte Tiere nicht mehr schlachten könnten, weil es keine Abnehmer gebe. "Wegen der EU muss überhaupt nicht ein Rind geschlachtet werden", sagte er.

Sonnleitner sagte, die Erzeugerpreise für Rindfleisch seien seit November um bis zu 30 % gefallen. Der Handel berichte von einem Konsumrückgang um bis zu 60 %. Auch der Export breche weg. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa ermittelte im Auftrag der Zeitung "Die Woche", dass die Hälfte der Deutschen überhaupt kein Vertrauen in die Sicherheit von Rindfleisch habe, weitere 26 % hätten nur noch wenig Vertrauen. Lediglich 16 % glaubten, dass Rindfleisch sicher sei.

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Peter Traummann, sagte, die Preisschleuderei im Einzelhandel mit Lebensmitteln, die Qualität und Sicherheit gefährden könne, müsse aufhören. "Der Verbraucher muss wieder lernen, dass gute und sichere Lebensmittel ihren Preis haben müssen." Der Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände erklärte, die durch BSE ausgelöste ökonomische Absatzkrise habe dazu geführt, den Verbraucher wieder zu entdecken. Jetzt müsse wieder mit Milliarden-Aufwand ein Reparaturbetrieb für unterlassenen Verbraucherschutz betrieben werden.

Nach der Forsa-Umfrage unterstützen mehr als drei Viertel der Deutschen die von der Bundesregierung angekündigte Wende in der Agrarpolitik. Allerdings trauen nur 49 % der Befragten Künast zu, eine Wende durchzusetzen. Sonnleitner sagte, der Bauernverband sehe ein "Bündnis von Verbrauchern, Bauern und Ernährungswirtschaft" als eine gute Zielsetzung an. Mit dem BVE werde er konkrete Vorschläge für eine "gläserne Produktion" von Fleischprodukten machen. Eine Sprecherin Künasts begrüßte das Signal Sonnleitners, bezweifelte aber, ob eine "gläserne Produktion" ausreichen werde, um das Verbraucher-Vertrauen wiederzugewinnen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%