"Es fiel mir nicht leicht, Bianchi zu verlassen"
Jan Ullrich unterschreibt bei der Telekom

Der Vertrag ist perfekt: Radprofi Ullrich kehrt nach Bonn zurück und wird dafür fürstlich entlohnt. Der große Verlierer des Deals ist sein Berater Rudy Pevenage.

dpa BERLIN. Am "Tag der Deutschen Einheit" machte Jan Ullrich seine Wiedervereinigung mit Telekom perfekt. Der Olympiasieger kehrte neun Monaten nach der Trennung zu den Bonnern zurück, die ab 2004 als Team T-Mobile im Profi-Radsport mitmischen. "Er erhält einen Drei-Jahres-Vertrag. Es gibt Möglichkeiten, ihn im Konzern auch darüber hinaus zu beschäftigen. Darüber wird noch zu reden sein", sagte Telekom-Teamsprecher Olaf Ludwig. Ullrich, der im turbulenten Jahr 2003 nach dem Vertragsende bei Telekom fünf Monate für Coast und vier für Bianchi fuhr, soll pro Saison mindestens 2,5 Mill. ? erhalten.

Der große Verlierer der Transaktion ist Rudy Pevenage, der als Bauherr der Ullrich-Karriere gilt. Der 49-jährige Belgier folgte seinem Schützling zum Jahreswechsel Hals über Kopf von Telekom zu Coast und zog damit einen tiefen Graben zu Team-Chef Walter Godefroot: "Nie mehr mit Pevenage." Da ein Versöhnungs-Versuch in der vergangenen Woche fehl schlug, erhält der Ullrich-Intimus keine Festanstellung bei T-Mobile. Er soll als persönlicher Betreuer firmieren und könnte damit zu einem zweiten Peter Becker degradiert zu werden. Der Ullrich-Trainer aus DDR-Zeiten ist inzwischen aus dem Berater-Stab des gebürtigen Rostockers verschwunden.

"Ich hoffe, Rudy nimmt mein Angebot an", erklärte Ullrich. Pevenage, unter dessen Regie Ullrich im Juli ein großes Comeback und zum fünften Mal Rang zwei bei der Tour de France schaffte, ist noch unschlüssig: "Ich nehme mir ein paar Tage Zeit zu überlegen. Jan hätte auch in einer mit Saeco fusionierten Mannschaft fahren können, aber das Team schien ihm zu schwach." Außer Pevenage konnte Ullrich seine persönlichen Wunschpartner zu T-Mobile mitnehmen: Bruder Stefan als Mechaniker, Birgit Krohme als Physiotherapeutin sowie die Profis Tobias Steinhauser und André Korff.

"Ich bin überzeugt, dass ich mit T-Mobile meine Ziele am besten erreichen kann. Für mich ist es ein Wechsel zu T-Mobile, keine Rückkehr zu Telekom", teilte Ullrich auf seiner Homepage mit. Das Team sei vom Sponsor bis zu den Fahrern nicht mehr mit jenem vergleichbar, das er im vorigen Jahr verlassen habe. Bianchi war trotz langer Suche nicht in der Lage, einen zweiten Geldgeber von einem Engagement zu überzeugen und Ullrich eine schlagkräftige Mannschaft für die Tour 2004 zu garantieren. Bianchi droht nur vier Monate nach seiner Vorstellung bei der Deutschland-Tour das Aus.

"Es ist mir nicht leicht gefallen, Bianchi zu verlassen. Die Truppe wuchs durch die Umstände zusammen. Ich wartete mit meiner Absage bis zum letzten Moment", erklärte Ullrich und betonte, letztlich hätten nicht ausschließlich finanzielle Gründe den Ausschlag gegeben. Eines der fünf Angebote an ihn sei sogar höher gewesen als jenes von T-Mobile. Die Planungssicherheit habe den Ausschlag gegeben. "Nach den Erfahrungen im Frühjahr möchte ich auch das kleinste Risiko ausschließen", unterstrich Ullrich, der bei Telekom quasi in sein "Kinderzimmer" zurückkehrt. Bei den Bonnern begann er seine Profi-Karriere 1995 und verlies das Team im Dezember 2002 auch unter dem Vorwurf der Bevormundung ("Babysitter-System").

"Ich möchte mit Rudy die erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Er hat auch in den Monaten zu mir gehalten, als niemand mehr an mich glaubte", sagte Ullrich an die Adresse Pevenages, der bis zuletzt versucht hatte, den Toursieger von 1997 von einer Rückkehr zu Telekom abzubringen, die besonders das Ullrich-Management forciert hatte. Bei Godefroot als Sport-Chef und Pevenage als Ullrichs Betreuer sind Differenzen programmiert. "Beim Team haben wir derzeit vier Sportliche Leiter unter Vertrag. Eine sinnvolle Integration ist unter diesen Voraussetzungen nicht möglich. Pevenage wird bei den Rennen nicht in einem Begleitwagen sitzen", sagte Ludwig.

Ullrichs zweiter Platz bei der Tour und sein Zweikampf mit Lance Armstrong hatten in diesem Jahr die sportlichen Rückschläge nach zwei Knieoperationen und einer Drogen-Affäre vergessen gemacht. Durch den starken Auftritt des 29-Jährigen im mintgrünen Bianchi-Trikot hatte das Team Telekom erstmals seit mehreren Jahren bei der Tour nicht mehr so im Mittelpunkt des Medien-Interesses gestanden. Der Kasache Alexander Winokurow bot als Dritter zwar eine vorzügliche Leistung, stand jedoch ebenso im Schatten von Ullrich wie Erik Zabel.

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