Es geht sowohl um Tabu-Themen als auch um die Aneignung von medizinischem Grundwissen
Ratschlag ohne Gewähr: Online-Gesundheitsportale boomen

Gesundheitsportale, Arztsuchmaschinen und virtuelle Patienten-Foren haben Konjunktur: In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Zahl der User, die sich im Netz medizinisch informieren, auf 8,7 Prozent verdoppelt. Das ergab eine Studie des Online-Marktforschungsunternehmens Jupiter MMXI in Nürnberg.

dpa HAMBURG/BERLIN. Es gibt Themen, über die sprechen manche Menschen nicht mal mit ihrem Arzt - jedenfalls nicht Auge in Auge. Wenn es zum Beispiel um Potenzschwierigkeiten geht, weicht mancher lieber auf medizinische Ratgeber im Internet aus. Allerdings geht es den Nutzern solcher Angebote keineswegs nur um Tabus, sondern oft schlicht um die Aneignung von Grundwissen.

Sie heißen Lifeline, Yavivo, NetDoktor, oder Almeda : Keine Diagnosen und keine konkreten Therapieempfehlungen, lautet das Motto der meisten Gesundheitsportale. "Ergänzung ohne Diagnostik", beschreibt Konstantin Bob, Chefredakteur von Yavivo.de in Berlin das Ziel seines Dienstes. Neben redaktionell aufbereiteten Hintergrundberichten bietet Yavivo wie andere Gesundheits-Portale Gesprächsforen sowie die Möglichkeit, sich mit Fragen direkt an Mediziner zu wenden.



Bei NetDoktor in München gehen täglich bis zu 100 solcher Anfragen ein. "Wir versuchen die Mails innerhalb von 48 Stunden zu beantworten", sagt Chefredakteur Frank Miltner. "Vergleichsweise häufig werden Fragen zu sexuellen Themen gestellt. Dabei geht es jedoch nicht um Schmuddeliges." Der erste NetDoktor wurde 1997 in Dänemark gegründet. Heute ist der Dienst in mehreren europäischen Ländern vertreten, darunter Norwegen, Frankreich und Großbritannien. Eine wichtige Aufgabe sieht Miltner in der Vorbereitung der Patienten auf den Arztbesuch. Wer sich schon vorher gut informiere, könne sich gezielter mit dem Arzt unterhalten und verlasse die Praxis nicht mit lauter offenen Fragen.



Finanziert werde NetDoktor vor allem durch den Verkauf von Inhalten an dritte wie zum Beispiel den Internet-Dienst T-Online, erklärt Marketingleiterin Silke Haffner. "Werbung spielt zur Finanzierung für uns eine eher untergeordnete Rolle."



"Es sollte erkennbar sein, wer hinter dem jeweiligen Angebot steht", sagt Thomas Isenberg, Leiter des Fachberereichs Gesundheit und Ernährung beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) in Berlin. Ist der Anbieter nicht unabhängig, oder steht dahinter sogar ein einzelner Pharmakonzern, bestehe die Gefahr, dass nur einseitige Tipps gegeben würden. Isenberg räumt jedoch auch ein, dass es für den Anwender schwierig ist, die Seriosität einer Website zu erkennen.



Finger weg vom Medikamentenkauf per Internet



Einen ersten Ansatz bietet das Projekt "medCERTAIN" der Universität Heidelberg. Dabei handelt es sich um eine Art Zertifizierung für Web-Angebote aus dem Gesundheitsbereich. Auf der Homepage http://www.medcertain.org können Mediziner ihre Bewertung von Webinhalten abgeben. "Die Finger sollten Patienten von Seiten lassen, auf denen gleich bestimmte Medikamente zum Kauf angeboten werden", warnt Isenberg.



Dass sich Patienten in Foren untereinander austauschen können, hält Verbraucherschützer Isenberg im Prinzip für eine gute Idee. Allerdings sollten die virtuellen Gesprächskreise von einem Fachmann geleitet werden, "damit nicht irgendwelche dubiosen Heilsbotschaften verbreitet werden." Schließlich klammere sich so mancher Schwerstkranke an jede hoffnungsvolle Neuigkeit wie an einen Strohhalm. "Andererseits kann man sich auf einigen Seiten gut über Medikamente, deren Wirkungen und Nebenwirkungen erkundigen." Das stärke die Mündigkeit des Patienten.



Die Bundesärztekammer steht den medizinischen Ratgebern im Netz eher skeptisch gegenüber: Das Angebot telefonischer Ferndiagnosen und-behandlungen könne gravierende gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen, warnt der Verband auf seiner Website. "Darüber hinaus würde die freie Arztwahl der Patienten untergraben, wenn ein privater Arztsuchdienst nur an die Ärzte verweist, die gegen Entgelt bereit waren, sich in eine Datenbank aufnehmen zu lassen", heißt es weiter.



So ganz ahnungslos scheinen die Nutzer der Gesundheitsportale nicht zu sein: Wer sich online mit medizinischen Tipps versorgt, ist in der Regel besser ausgebildet und besser verdienend, sagt Frank Miltner von NetDoktor.de. "Ein Viertel unserer Nutzer ist privat krankenversichert." Konstantin Bob schätzt, dass die meisten Anwender zischen 30 und 55 Jahre alt sind. Der Anteil von Männer und Frauen sei ungefähr gleich, sagt Miltner.

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