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Es herrsche Frieden unter den Flügeln

Bei der traditionellen Dampferfahrt des konservativen Seeheimer Kreises will SPD-Chef Kurt Beck wieder den Kurs für die Sozialdemokraten vorgeben. Die meisten Parteimitglieder halten sich auch an die Regieanweisungen

BERLIN. Der Ausflugsdampfer MS Paloma ist auf dem Wannsee schon dreimal im Kreis gefahren, als Peter Struck das Mikrofon an Kurt Beck weiterreicht. "Wenn man auf so einem Schiff fährt, dann muss man in eine Richtung lenken, damit das Schiff auch Kurs hält", beginnt Beck seine Rede. Zuvor hat er die Beelitzer Spargelkönigin begrüßt, und trotzig den Parteifreunden ein "Das gehört sich so!" entgegengeschmettert.

Für den SPD-Chef ist der Berliner Wannsee gefährliches Fahrwasser. Jedes Jahr veranstaltet hier der konservative Seeheimer Kreis im Frühsommer seine Spargelfahrt. Exakt vor einem Jahr hat Beck hier im Rededuell mit Vorgänger Franz Müntefering seine Autorität so gründlich in den Untiefen der Havel-Bucht versenkt, dass sie bis heute unauffindbar blieb. Vor allem mit Lobgesang auf die Spargelkönigin, auf die Spargelschäler, die Spargelköche und die Spargelbauern hatte Beck den Klebstoff für das Etikett "Provinz" angerührt.

Dieses Jahr ist das schon egal. "Okay, die Spargelkönigin, geschenkt", sagt ein Abgeordneter. Viel tiefer als der See sind die Sorgen der gebeutelten Partei. "Wir müssen den Tanker überhaupt erst wieder fahrbereit bekommen, bevor wir den Kapitän suchen", seufzt ein Parteistratege resigniert. Gerade hat er die neuesten Umfragewerte des Forsa-Instituts erfahren. SPD: 20 Prozent. Es fühlt sich an wie "Zero Points" beim Grand Prix d'Eurovision. Dabei ist das Ausflugswetter schön wie seit Jahren nicht mehr zur Seeheimer Spargelfahrt. Hoch "Peer" schaufelt die kurz aufziehenden Wolken zuverlässig weg. Finanzminister Peer Steinbrück nimmts als gutes Omen und verdrückt sich mit einer Gruppe Jusos in den Bauch des Schiffes: "Das ist viel lustiger als dauernd mit Euch Journalisten". Der Parteinachwuchs ist angetan. "Echt cool, der Peer", schwärmt eine junge Frau.

Auf dem Oberdeck mögen sie über den Kapitän, den künftigen Kanzlerkandidaten, gar nicht mehr reden. Erst Geschlossenheit in der Partei, dann Frank Steinmeier-Walter Kanzlerkandidat, würde Müntefering die neue SPD-Strategie wohl formulieren, wenn er denn dabei wäre. In langen Klausuren hat sich die SPD-Spitze seit Pfingsten auf Frieden unter den Flügeln geeinigt. Sonst kann man dem Franz-Walter die Kandidatur gar nicht zumuten, ist zu hören. Der Name Beck fällt nicht.

Nur Stunden, bevor die La Paloma ablegt, hatten Mitarbeiter der Parteizentrale - das Geschlossenheits-Mantra ignorierend - die Presse mit Unmut über Generalsekretär Hubertus Heil gefüttert. "Vergessens Sie's", heißt es nun von rechts bis links. "Nur ein paar Betonköpfe im Willi-Brandt-Haus haben nicht kapiert, dass es vorbei ist mit Flügelschlagen", schimpft ein Beck-Berater.

Beck lobt derweil im Unterdeck den Nürnberger Zukunftskonvent vom Wochenende. "Wir hatten eine schöne Zeit" , sagt er, und weil dies so war, trägt er gefühlte drei von 15 Karteikarten seiner samstäglichen Rede noch einmal vor. Laut, damit auch jeder das neu eingefügte Sepp-Herberger-Zitat mit bekommt: "Wir werden über den Kampf zum Spiel finden. Wir brauchen den rechten Flügel und den linken Flügel, und wir werden von allen Seiten in der Mitte angreifen", ruft Beck. Und zwar das Tor des Gegners, nicht das eigene. Die Suche nach Sündenböcken müsse aufhören: "Wir haben mea culpa gesagt."

Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan hält sich an die Regie: Bloß nicht dem Kurt die Schau stehlen mit einer mitreißenden Rede wie Müntefering vor einem Jahr! "Wir sind uns in der Substanz doch einig in der SPD", sagt sie. "Ich bin Katholikin, und Pfingsten ist das schönste Fest." Pfingsten wird den Jüngern der Heilige Geist geschenkt, der ihnen Kraft gibt und verständliche Sprache für die Werbung um Kirchenmitglieder. Und Pfingsten drückten Becks linke Stellvertreterin Andrea Nahles, Schatzmeistern Barbara Hendricks und NRW-Landeschefin Hannelore Kraft Schwans Kandidatur gegen Beck durch. Beck gibt zwar die Umfrage recht: Geschadet habe der SPD die Ankündigung Schwans, um Stimmen der Linkspartei zu werben. Dies sähen die Wähler entgegen allen Dementis Becks als Signal für eine Koalition mit der Linkspartei. Die SPD aber feiert auf dem Schiff weiter Schwans Kandidatur. Die meerblauen Buttons mit der Aufschrift "Gesine for president" sind begehrt. "Stühlerücken auf dem Oberdeck der Titanic", murmelt einer.

Als um 23 Uhr das Schiff anlegt, wirkt die Parteispitze erschöpft. Nur die jüngeren Seeheimer sind gut gelaunt. Sie glauben ihrem Chef Johannes Kahrs. "Wir machen das gut!" ruft er den Seeheimern zu. Dass die Stimmung für die SPD nicht so gut ist, wie der Kurs der Regierung? "Das kann doch nicht wahr sein - und das ändern wir ab jetzt", lacht er alle Zweifel weg.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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