Es ist doch alles Gold, was glänzt
Kolumne: Wall Street Inside

Nur drei Indizes zeigen seit zwei Tagen eine beeindruckende Rally, in der sich die frustrierte Stimmung der US-Anleger widerspiegelt: Gold, Silber und Edelmetalle. Bei den übrigen 18 Branchen-Indizes dagegen...

NEW YORK. Von den 21 Branchen-Indizes, die ich konstant beobachte, verlaufen auf Wochensicht 18 deckungsgleich. Mehr oder weniger holprig stolperten sich Dow und Nasdaq, Chips und Airlines, Hard- und Software, Energie und Telekom vor dem Wochenende zu einem versöhnlichen Ausklang - seit Montagmorgen fallen sie steil ab. Nur drei Indizes zeigen seit zwei Tagen eine beeindruckende Rally, in der sich die frustrierte Stimmung der US-Anleger widerspiegelt: Gold, Silber und Edelmetalle.

Tatsächlich lässt sich mit Gold zur Zeit viel besser spekulieren. Bei Aktien sieht es trist aus: Selbst die einst so optimistischen Analysten senken die Prognosen und räumen ein, dass sich ein Aufschwung weder herbeiwünschen noch an starken Konjunkturdaten fest machen lässt. Die CEOs aller großer High-Tech-Firmen geben ihnen recht, zuletzt am Montagabend Flextronics und am Dienstag Hewlett-Packard.

Bei Gold unterdessen gehen die Meinungen auseinander. Die Vorlage lieferte Bill Dudley, Ökonom bei Goldman Sachs, der eine weiter fallende US-Währung prognostiziert. "Der Dollar wird weiter steil abrutschen, das ist einfach nicht zu vermeiden", sagt er mit Blick auf den Bond-Markt und die Stärke der Handelspartner in Übersee.

Einen Tag später ist es Barry Cooper, Gold-Analyst bei CIBC World Markets, der seine Schlüsse zieht: "Jedes Prozent, das der Dollar gegenüber dem Euro abgibt, spiegelt sich einem Prozent Preisanstieg für Gold wieder." Das sei seit April so, als die US-Währung ihren jüngsten 7%-Fall begonnen habe, das werde so bleiben. Bei Kursparität zwischen Dollar und Euro, die Cooper nicht für unmöglich hält, laufe dies auf einen Goldpreis von 345$ pro Feinunze hinaus. Auf Jahresfrist setzt Cooper dem edlen Metall ein Preisziel von 350$.

Andere sehen den Zusammenhang zwischen schwachem Dollar und teurem Gold nicht ganz so eng. Doch sind die Konsequenzen klar ersichtlich. Geld wandert in die Edelmetalle und deren Aktien, und wenn es nicht der schwache Dollar ist, der diese Tendenz antreibt, dann ist es das wachsende Misstrauen in alles, was nicht Gold ist. Der Markt dreht das alte Sprichwort um, denn sehr wohl ist Gold das einzige, was glänzt.

Auf den Industrie-Multis lasten als bleierner Schleier Bilanzschmierereien und Scheingeschäfte. Detail zu der Klage gegen den ehemaligen Tyco-Chef Kozlowski, der Bilder für mehr als 13 Mio.$ an der Steuer vorbeigeschleust haben soll, machen die Firmen nicht glaubwürdiger. Der Glanz der High-Techs hingegen ist ohnehin längst verblasst. Wann außer blankpolierten CD-Roms auch wieder die Aktien von Intel, IBM und Microsoft glänzen, ist unklar.

So ist es eben Gold, das als Investment lockt. Und ein Blick auf die Performance von Barrick, Meridian, Anglogold und Mewmont Mining zaubert ebenso ein Lachen ins Gesicht des Anlegers wie der Anblick eines funkelnden Schmuckstücks. Weshalb es auch keine Rolle spielt, ob das Geld in Metallfonds oder bei den Papieren eines Förderers oder Goldschmieds liegt. Hauptsache, so scheint die Losung an der Wall Street, es rutscht nicht in der Nähe der übrigen 18 Sektoren, deren Chartkurven sich auch in den nächsten Wochen weiter nach unten bewegen dürften.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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