„Es wird Zeit, dass die ATP ihre Traumwelt verlässt“
Zu Gast im Tennis-Niemandsland China

Die weltbesten Tennisspieler zieht es kommende Woche nach Asien. Beim Masters Cup in Schanghai wird zum einen der Jahresbeste ermittelt, zum anderen reichlich Werbung für die Metropole gemacht.

DÜSSELDORF. Zumindest über fehlende Spannungsmomente wird sich niemand beschweren müssen - dann, wenn am Dienstag die acht besten Tennisspieler der Saison 2003 den Masters Cup im fernen Schanghai ausspielen und gleichzeitig um den Rang des Klassenbesten kämpfen. Im dritten Jahr seit seiner Einführung garantiert das Champions Rennen der ATP weiter Thrill und Aufregung bis zu den letzten Ballwechseln der Saison, in Schanghai wie zuvor auch bei den inoffiziellen Tennis-Weltmeisterschaften in Lissabon (2000) und Sydney (2001).

Während alle Masters-Cup-Starter naturgemäß noch um die hochkarätigste Trophäe kämpfen, die abseits der Grand-Slam-Wettbewerbe vergeben wird, streiten sich in der Boomstadt des Fernen Ostens nur noch zwei Centre-Court-Stars um Platz eins in der jährlichen Abschlusstabelle der Profis: Titelverteidiger Lleyton Hewitt, der auch in dieser Saison schon wieder als Nummer eins zum Championat in China anreist. Und der Altmeister der Branche, Andre Agassi, der zum zweiten Mal nach 1999 eine Spielzeit als Nummer eins beschließen kann. Nach zwei perfekten Jahren für das 1999 aus Deutschland abgezogene Spitzenevent ist die Ausgangslage für die Spielervereinigung ATP nun schwieriger und ungewisser: Denn ob eine vergleichbar berauschende Atmosphäre wie etwa in Australien vor zwölf Monaten auch im Tennis-Niemandsland China den Masters-Cup beflügeln kann, ist zumindest offen. Gerade in der asiatischen Wachstumsregion fehlen dem internationalen Wanderzirkus die eigenen schillernden Identifikationsfiguren - so wie Hewitt in Sydney oder Kuerten in der Milleniums-Saison in Lissabon.

Vermutlich hätte es die ATP gern gesehen, wäre die starke Herbstoffensive des immer schlagkräftigeren Thailänders Paradorn Srichapan noch mit einem Startplatz in Schanghai belohnt worden. Um sich gegen möglichen Zuschauerschwund oder mangelnde Stimmung zu wappnen, hatte der ehemalige WM-Impresario Ion Tiriac einst sogar eine Wild Card für einen Teilnehmer aus dem Veranstaltungsland gefordert - sofern der einen Ranglisten-Platz unter den Top 20 erreicht hätte. Das hatte die ATP kategorisch abgelehnt.

Die Wahl des Austragungsorts Schanghai hat aber ohnehin weniger mit strategischer Weitsicht der ATP-Funktionäre als mit ehrgeiziger Standortwerbung der chinesischen Masters-Cup-Organisatoren zu tun. Um die Wachstumsmetropole weltweit ins Gespräch zu bringen und für ihre Potenziale als Schlüsselstelle im chinesischen Markt zu werben, ist beinahe jedes Mittel recht. Während Veranstalter anderswo mühsam ihre Etats zusammenstottern oder wie Sao Paulo einst den Cup wegen Finanzschwierigkeiten sogar zurückgeben müssen, legte die Stadt Schanghai den ATP-Bossen mühelos geschätzte sechs Millionen Dollar als Garantiesumme auf den Tisch.

Tennissponsoren wie Mercedes-Benz zeigen durchaus Sympathie für die Entscheidung, das Spektakel in der Millionencity zu präsentieren: Der Austragungsort sei ein "wichtiges Symbol für die globale Ausrichtung unseres Engagements", sagt Burghard Graf Vitzthum, verantwortlich für das Sportsponsoring des schwäbischen Autobauers. Mercedes hatte in diesem Jahr seinen Sponsorkontrakt mit der ATP bis zum Ende der Saison 2005 verlängert.

Für die ATP geht in Schanghai gleichwohl ein Krisenjahr zu Ende, in dem die katastrophalen Auswirkungen des faulen Deals mit dem Vermarkter ISL noch längst nicht überwunden sind. Zudem hält sich die Reformbereitschaft der weitgehend trägen Funktionärskaste arg in Grenzen, obwohl viele Turnierveranstalter unter zu hohen Gehältern der Stars ächzen und gleichzeitig unter der Enthaltsamkeit der Sponsoren in wirtschaftlich angespannter Zeit leiden.

Zudem fehlt noch immer ein wirksames Konzept gegen die Inflation von Wettbewerben in einem viel zu prall gefüllten Jahreskalender. "Es wird Zeit, dass die ATP ihre Traumwelt verlässt und in der Wirklichkeit ankommt", sagt ein europäischer Turnierchef.

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