Eschede-Prozess
Zufall verhinderte noch größeres ICE-Unglück

Beim ICE-Unglück von Eschede vor rund vier Jahren ist nach Aussagen eines Bahn-Beamten nur um Haaresbreite eine noch schlimmere Katastrophe ausgeblieben.

Reuters CELLE. Wie der Fahrdienstleiter des Bahnhofs Eschede am Mittwoch vor dem Landgericht Lüneburg in Celle erklärte, wäre bei fahrplangemäßer Fahrt ein entgegenkommender ICE aus Hamburg aller Voraussicht in die Unglücksstelle gerast. Dieser ICE 787 sei an jenem 3. Juni 1998 "zum Glück eine Minute vor Plan" um 10.57 Uhr durch Eschede gefahren. Der Unglücks-ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" dagegen habe eine Minute Verspätung gehabt. "Sonst wäre der Treffpunkt circa an der Brücke gewesen." Der nach dem Bruch eines Radreifens entgleiste ICE aus Richtung Süden war gegen 10.59 Uhr gegen die Escheder Brücke geprallt. Bei dem schwersten Bahnunglück der Nachkriegsgeschichte in Deutschland wurden 101 Menschen getötet und 105 verletzt.

Angeklagt sind zwei 67 und 56 Jahre alte Beamte der Deutschen Bahn und ein 55-jähriger Mitarbeiter des ThyssenKrupp-Konzerns, wo der bei dem Unfall gebrochene Radreifen hergestellt worden war. Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Ingenieuren fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörde gab es schwerwiegende Versäumnisse der Angeklagten bei der Zulassung des Radreifens, die dazu geführt hätten, dass das Rad zu weit abgefahren und dadurch rissig wurde.

Aufgrund einer erst jetzt im Prozess bekannt gewordenen Ermittlungspanne und offener Fragen zum Verbleib des gebrochenen Rades in den Monaten vor dem Unglück hatten die Verteidiger am Dienstag erhebliche Zweifel an den bisherigen Gutachten zur Ursache des Unfalls geäußert und zusätzliche Zeugen benannt.

Vom Ausgang des Strafprozesses hängen indirekt auch die Schadenersatzforderungen der Hinterbliebenen an die Bahn ab. Sie klagen vor dem Landgericht Berlin auf Zahlung von rund 250 000 Euro. Insgesamt 37 Hinterbliebene und Überlebende treten in dem Strafprozess als Nebenkläger auf.

Der von der Bahn nach dem Unglück eingesetzte Ombudsmann Otto Ernst Krasney sagte am Mittwoch als Zeuge in Celle, er halte diese Forderungen für abwegig. Das deutsche Zivilrecht sehe keine derart hohe Summen vor, sagte Krasney und wies darauf hin, die Bahn habe bereits auf freiwilliger Basis etwa 15 000 Euro (30 000 DM) pro Opfer an die Hinterbliebenen gezahlt.

Nach Angaben der Chefjuristin der Bahn, Margret Suckale, hat das Unternehmen insgesamt bisher rund 23 Millionen Euro (46 Millionen DM) für Schadenersatz an Hinterbliebene und Überlebende aufgewändet. Zum Beginn des Eschede-Prozesses hatte der US-Anwalt Ed Fagan einen Schadenersatzprozess gegen die Bahn in den USA angekündigt, dem sich auch die Kläger vor dem Landgericht Berlin anschließen wollen. In den USA sind deutlich höhere Schadenersatzzahlungen üblich.

Der frühere Bundessozialrichter Krasney, der sein Amt als Ombudsmann bis Ende März 2002 ausübte, räumte vor Gericht etliche Pannen beim Umgang mit den Opfern von Eschede ein. So seien anfänglich zahlreiche Briefe an Hinterbliebene und Überlebende mit dem aus deren Sicht als geschmacklos empfundenen Stempelaufdruck "Die Bahn kommt" versandt worden.

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