Estlands Kreditinstitute locken Investoren
"Appetit auf Neuengagements"

Die Aufregung an der Tallinner Börse war groß als Mitte September 2003 bekannt wurde, dass mit der Citigroup einer der Großen des internationalen Geldgewerbes ernsthaftes Interesse an Estland hege. Ziel der Begehrlichkeiten der US-amerikanischen Investoren war eines der führenden Fährunternehmen im Oststeeraum, die Tallink-Gruppe.

Tallinn. Die dabei letztlich in Tallinks Kasse geflossene Summe von 37 Mio. Euro - eine der bisher größten Aktienemissionen eines Privatunternehmens im Baltikum - soll vor allem der Stärkung der Wettbewerbsposition der Firma dienen. Daher ist unter anderem vorgesehen, im Frühjahr 2004 auf der Strecke Tallinn-Stockholm ein neues Fährschiff in Dienst zu stellen. Der Löwenanteil für die Finanzierung des Dampfers, der gegenwärtig bereits auf einer finnischen Werft gebaut und insgesamt 150 Mio. Euro kosten wird, fließt Tallink jedoch von anderer Seite zu. Ein Konsortium deutscher Banken unter Federführung der HSH Nordbank stellt einen Kredit zur Verfügung. Nach Auskunft von Marek Magi, bei Tallink für Finanzen zuständig, erhält das Unternehmen insgesamt 97 Mio. Euro.

Typisch sind derartige Finanzierungen in Estlands Wirtschaft jedoch nicht. Barbara Jacobs, die in Tallinn die Interessen der NordLB vertritt, rechnet gerade einmal 3 % der Unternehmenslandschaft des Landes zu den potenziellen Partnern für ernsthafte Geschäftsbeziehungen mit ausländischen Großbanken. Gleichzeitig kann die NordLB-Repräsentantin aber auch nicht bestätigen, dass deshalb die vielen kleinen und mittelständischen Firmen in Estland keinen Ansprechpartner für ihre Finanzierungsbedürfnisse finden würden. Vielmehr sei für diese, so Jacobs, bereits seit längerem bestens gesorgt.

Michael Hoffmann, der vor Ort zuständige Mann der HSH Nordbank gibt den Finanzierungsmöglichkeiten vor Ort sogar ausgesprochen gute Noten. Seiner Ansicht nach warte das estnische Bankensystem schon jetzt mit EU-Standard auf. Vor allem die landesweit größten Kreditinstitute, Hansapank und Eesti Ühispank, würden dabei deutliche Akzente am Markt setzen können. Aber auch mit Blick auf die Handvoll der sonstigen kleineren Banken spricht Hoffmann dem gesamten estnischen Finanzsektor durchaus einen gesunden "Appetit auf Neuengagements" zu. Seiner Ansicht nach könnten sich deshalb auch deutsche Firmen mit Interesse an Aktivitäten auf dem estnischen Markt bei den örtlichen Banken gut aufgehoben fühlen.

Einzig bei den Konditionen müssten die meisten der investionswilligen Ausländer damit rechnen, nicht unbedingt von Anfang an bevorzugt behandelt zu werden. Durchaus ansehnliche 200 Mio. Euro Jahresumsatz bei einem deutschen Mittelständler seien in der estnischen Bankenszene als Aushängeschild längst noch nicht ausreichend, meint Hoffmann. Lediglich die Größen der deutschen Industrie könnten sich dank ihres Bekanntheitsgrades von vornherein sicher sein, in den Genuss von Vorzugskonditionen erster Güte zu kommen. Wer sich jedoch aus der Riege des Mittelstandes bei den Esten einmal einen Namen machen konnte, könne im Endeffekt auch mit einem entsprechenden Wohlwollen der örtlichen Banken rechnen, schätzt der Repräsentant der HSH Nordbank.

Bisher haben sich auf Investitionsfinanzierungen abstellende Anfragen von deutscher Seite - anders als im Handel - noch in recht engen Grenzen gehalten, weiß Ralph-Georg Tischer zu berichten. Dabei könne gerade Estland unter den drei baltischen Republiken mit einer besonders investorenfreundlichen Regelung aufwarten, wonach reinvestierte Gewinne nicht versteuert werden müssen. Doch, so Tischer, der seit sieben Jahren als Vertreter des DIHK in Tallinn tätig ist, hätten bisher fast ausschließlich nur nordische Unternehmen, allen voran finnische, diese Vergünstigung ausgenutzt. Auch wegen der deutlichen Unterschiede im Lohnniveau werden deshalb zahlreiche estnische Firmen in verschiedenen Industriezweigen von den Finnen als deren verlängerte Werkbank genutzt.

Tischers Worten zufolge brauche man sich folglich kaum darüber wundern, dass in der Statistik der ausländischen Investitionen der estnischen Zentralbank das deutsche Direktengagement vor Ort mit 86 Mio. Euro (Stand: Ende 2002) gerade einmal einen Anteil an sämtlichen Zuflüssen des Auslandes von 2 % ausmacht. Andererseits fehlt in diesen Zahlen das in einem nicht unerheblichen Maße aus dem nordischen Raum indirekt nach Estland fließende deutsche Kapital.

Gerade im Zusammenhang mit dem scheinbar ungebremsten Interesse der Finnen in den letzten zehn Jahren sieht der DIHK-Vertreter bereits eine gewisse Sättigung und damit auf diesem kleinen Markt auch ein Limit für zukünftige Engagements. So finden deutsche Investoren auf der Suche nach Neuengagements derzeit einen einfacheren Geschäftseinstieg eher in Lettland oder Litauen.

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