Ethik-Ratings sollen bei der Wahl der richtigen Aktien helfen
Eine Frage der Moral

Im Vietnamkrieg stießen viele Anleger ihre Aktien des amerikanischen Napalm-Herstellers Dow Chemical ab. "Ethisch und ökologisch orientierte Kapitalanlage hat in Übersee eine lange Tradition", sagt der Frankfurter Moraltheologe Johannes Hoffmann. Vor einigen Jahren haben auch die Deutschen den Trend aufgegriffen.

DÜSSELDORF. Nun gibt eine Ratingagentur mit Umwelt- und Sozialnoten ihr Debüt am Markt: die Oekom Research AG aus München. Ihr Konzept beruht auf Kriterien, die Hoffmann gemeinsam mit dem ehemaligen Wirtschaftsweisen Gerhard Scherhorn erarbeitet hat.

Vor acht Jahren hatten ihn Banker gebeten, ökologisch und sozial orientierte Beurteilungskriterien für Unternehmen zu entwickeln, erzählt der Theologe. "Im Land der Dichter und Denker wird gerne differenziert", schmunzelt er, "K.o.-Kriterien, wie sie Anleger in den USA anwenden, sind nicht gefragt." Mit seinem "Corporate- Responsibility-Rating" kann man Firmen in Bezug auf die Natur-, Sozial- und Kulturverträglichkeit bewerten.

Die Oekom Research AG nimmt mit neun Mitarbeitern gegenwärtig 170 internationale Unternehmen aus den Branchen Automobile, Banken, Einzelhandel, Konsum, Medien sowie Öl und Gas unter die Lupe.

Aus Hoffmanns Sicht bieten vor allem die Kulturnoten interessante neue Aufschlüsse für Anleger. Sie zeigen, ob sich das Unternehmen gegenüber der Gesellschaft verantwortlich verhält. Die Agentur untersucht etwa, ob Firmen ihren Hauptsitz in ausländische Niedrigsteuerländer verlegen und sich damit ihren Finanzpflichten in der Heimat entziehen. Bei der Erstellung der Ratings müssen Unternehmen mit Sitz im Ausland auch angeben, ob sie auf Wissen und Fähigkeiten der dort verbreiteten Kulturen Rücksicht nehmen. Die Manager werden nicht immer ehrlich auf solche Fragen antworten, gibt Hoffmann zu. Dennoch ist er zuversichtlich, kritische Punkte nicht zu übersehen; schließlich greife die Agentur zusätzlich auf externe Recherche zurück - zum Beispiel auf die von Greenpeace.

"Weltweit einmalig", wie Hoffmann meint, ist die kulturelle Komponente seiner Einstufungen allerdings nicht. So wendet die schweizerische Bank Sarasin seit zwei Jahren ähnliche soziale Kriterien bei ihrer Investmentpolitik an. Andreas Knörzer, Leiter Sustainable Investment bei Sarasin: "Wir erfragen das Verhalten der Unternehmen gegenüber Anspruchsgruppen im Ausland." Darüber hinaus berücksichtigen die Banker bereits seit mehreren Jahren Umweltaspekte. Im Rahmen seines OekoSar-Portfolios hat das Geldhaus seit 1994 Firmen auf ihre Umweltfreundlichkeit bzw. umfassende "Nachhaltigkeit" hin geprüft.

Nach eigenen Angaben ist Sarasin mit 2,1 Mrd. DM bei der Verwaltung nachhaltiger Vermögen Marktführer in Kontinentaleuropa. Der Begriff Nachhaltigkeit beschreibt die Fähigkeit, heutige Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, ohne nachfolgende Generationen in dieser Hinsicht einzuschränken. Gegenwärtig haben die Schweizer zwei Fonds im Angebot, die sie nach Umwelt- und Sozialkriterien bestücken: den aus Aktien und Renten bestehenden OekoSar (mit der Wertpapierkennnummer 973502) und den Aktienfonds ValueSar Equity (WKN 921125).

Qualität wird mit Einzelnoten bewertet

Die ökologischen und sozialen Ratingkriterien der Oekom AG und der Bank Sarasin weichen kaum voneinander ab: Im Umweltbereich untersuchen beide, welche Managementsysteme angewendet werden und woraus die Produkte bestehen. Außerdem wird das soziale Engagement der Firma beleuchtet. Es gibt Noten für das Verhalten gegenüber Mitarbeitern; zum Beispiel wird die Fluktuationsrate überprüft. Außerdem wird das Verhalten der Unternehmen gegenüber Lieferanten, der Öffentlichkeit, Konkurrenten und Kunden bewertet. Die Umwelt- und Sozialnoten werden zu einem Rating zusammengefasst. Die Oekom- Skala reicht von "A plus" bis "D minus". Sarasin vergibt fünf Noten: hoch, überdurchschnittlich, Durchschnitt, unterdurchschnittlich und niedrig.

Allerdings unterscheiden sich die Zielgruppen der Schweizer und der Deutschen: Wie bei anderen Ökofonds auch sind die Ratings der Banker den Kunden vorbehalten, betont Knörzer (Abfrage unter: 0041/61277 7331). Hauptkunden der Agentur sind institutionelle Investoren. Privatanleger können aber auch Einzelratings (ab 350 Euro) oder Branchenberichte bestellen (Tel. 089/5441840). Oder sie können dem Verein Corporate-Responsibility-Investment-Partners (Crip) beitreten, der umfangreichere Beratungen für die Mitglieder anbietet (Tel. 06198/32470, Email: J.Hoffmann@em.uni-frankfurt.de).

Bislang liegen bei Oekom Ratings von Öl- und Gaswerten sowie Banken vor; andere Branchen sollen folgen. Die besten Ratings für Öl- und Gasfirmen erhielten Conoco aus den USA und Suncor aus Kanada ("C plus"), darauf folgen Royal Dutch/Shell ("C") und Eni ("C minus"). Bei den Banken schnitten UBS, Credit Suisse und die Hypo-Vereinsbank ("C plus") am besten ab. Die Commerzbank ernete ein "C", die Deutsche Bank ein "C minus".

Der wesentliche Unterschied zwischen den Bankern und der Oekom AG ist jedoch, dass Sarasin auch die finanzielle Seite der Unternehmen einbezieht. Dagegen verweist die Agentur auf die etablierten Anbieter von Finanzratings wie Moody?s Investors Service oder Standard & Poor?s. Anleger müssen überlegen, welche Ratings sie wirklich benötigen. Bei Ökofonds und Umweltindizes sollten sie ohnehin genau hinsehen, denn dort sind oft nicht nur Ökofirmen zu finden. So ist auch Bayer im Dow Jones Sustainability Index enthalten - ebenso wie Dow Chemical.

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