Etwas mehr Weltläufigkeit
DEB will nur Abstieg vermeiden

Eigentlich hätte die WM in Prag stattfinden sollen. Doch dort wurde die Halle nicht fertig. Finnland sprang in die Bresche - und hofft auf viele Profis aus der NHL. Nur die Deutschen nicht.

HELSINKI. Seit Tagen tummeln sich die Finnen in den hellen Internet-Cafes im Stadtzentrum Helsinkis. Über die Monitore flimmert dabei immer das Logo der National Hockey League (NHL). "Eigentlich haben wir nicht viel mit der NHL zu tun, doch dieser Tage ist alles anders", sagt der Besitzer eines Internet-Cafes am zentralen Senatsplatz, Raimo Halaanen. Es herrscht weiß-blauer Ausnahmezustand in der Stadt. Die Häuserfassaden sind mit großen Plakaten umhüllt, die Männer, die sich erst nach dem letzten Spiel rasieren wollen, mit üppigen Playoff-Bärten zeigen. Auch Halaanen hat große Trikots der Topstars aus Übersee an die Fensterscheiben seines Ladens Cafes gehängt.

Am Samstag beginnt die Eishockey-Weltmeisterschaft in Finnland. In Helsinki, Turku und Tampere wird um eine Trophäe gespielt, die lange Zeit belächelt wurde. Doch dieses Jahr scheint sich das geändert zu haben. Große Hoffnungen, aber auch lange Schatten hat diese Weltmeisterschaft schon im Vorfeld gebracht.

Schatten, weil die WM eigentlich an Prag vergeben war. Dort soll sie nun erst 2004 ausgetragen werden - falls bis dahin eine neue Arena mit 17 000 Zuschauern errichtet wurde. An dieser Vorgabe waren die Tschechen gescheitert. Nicht zuletzt, weil sich auch ein Investor (ausgerechnet aus Finnland) zurückgezogen hatte. Der finnische Ausrichter nun hat ein WM-Rekordbudget von 17 Millionen Euro, rechnet aber mit Einnahmen von 22 Millionen Euro. Der deutsche Verband machte bei der WM 2001 einen Überschuss in Höhe von einer Million Euro.

Die große Hoffnung verknüpft sich unterdessen mit dem Favoritensterben in der NHL. Bereits die erste Playoff- Runde spülte einen Star nach dem anderen in das ambitionierte finnische Team von Trainer Hannu Aravirta. "Wir bekommen eine super Mannschaft zusammen", jubelt Aravirta. Doch auch bei den anderen Teams werden in den nächsten zwei Wochen bei der WM mehr Stars auflaufen und der Veranstaltung endlich das geben, was sie lang vermisste: Ernsthaftigkeit und etwas Weltläufigkeit. Lange galten die Titelkämpfe ja als eine Art B-Turnier. Noch vergangenes Jahr sagten im Team Canada etliche NHL-Profis ab. Sie verspürten keine rechte Lust und sahen kaum echte Konkurrenz.

Doch dieses Jahr ist die erste Runde der Playoffs der NHL zum WM-Auftakt bereits Vergangenheit. Beim Weltmeister aus der Slowakei wird so NHL-Star Miroslav Satan auflaufen. Bei den Finnen rechnet man mit Teemu Selänne von den San Jose Sharks. Bei den Kanadiern wird Jarome Iginla, Topstürmer der vergangenen NHL-Saison, aufs Eis gehen. "Für die Spieler ist gerade dieses Turnier mittlerweile sehr interessant", meint Kanadas Trainer Andy Murray. "Sie können sich für die Zukunft beweisen." Dabei denkt er vor allem an den prestigeträchtigen World Cup im September 2004, bei dem die acht besten Eishockey-Nationen an den Start gehen.

Um die Chance zu wahren, viele Stars nach Finnland zu locken, reagierte sogar der Weltverband IIHF und die NHL. Die Stars sollen die Chance erhalten, sich schnell in die Mannschaften zu integrieren. Deshalb wurde die erste Runde in der NHL vorverlegt. Sogar der WM-Modus wurde erneuert. Bisher galt die Regel, dass erst ab dem Viertelfinale fünf Spieler ausgetauscht werden können. Dieses Mal dürfen bereits zur Zwischenrunde zwei neue Spieler aufgenommen werden.

Dem deutschen Team bringt diese neue Regel jedoch nichts. Als wahrscheinlich einziger Teilnehmer tritt das Team ohne NHL-Legionäre an. Denn die sagten bereits alle ab, oder flüchteten sich in Ausreden. Wie Jochen Hecht, der "keine Lust" hat, und Torwart Olaf Kölzig, der sich "leer fühlt". Auch Marco Sturm wird nicht erwartet, und Dennis Seidenberg ist noch mit Philadelphia in der NHL aktiv. Auf Christoph Schubert verzichtet Zach freiwillig. "Er hat zu wenig Spielpraxis." Wohlgemerkt in der unterklassigen AHL, in die er verbannt wurde.

Doch trotz der Absagen aus Übersee und vieler verletzter Spieler (zum Beispiel Kapitän Stefan Ustorf und Wayne Hynes) sollte es kein Problem für die Deutschen sein, die Klasse zu halten. Aber viel mehr als den Verbleib in der A-WM traut Zach seinem Team diesmal nicht zu: "Erst wenn wir das geschafft haben, werden wir weiter sehen." Zwar müssen die Deutschen gegen den Weltmeister aus der Slowakei antreten und auch gegen die defensivstarken Ukrainer. Doch es reicht alleine ein Sieg gegen Japan und die Klasse wäre gesichert. Den Asienmeister hatte Deutschland bereits vergangenes Jahr mit 9:2 deklassiert. "Die können wir auch dieses Jahr schaffen", gibt sich daher Nationalspieler Tobias Abstreiter optimistisch. Gleichwohl lief die WM-Vorbereitung - weitgehend ohne den bei den Kölner Haien coachenden Zach - äußerst schlecht und steigerte nicht gerade das Selbstbewusstsein für das Event in Finnland.

Dort beschäftigen sich die Fans eh kaum mit den Deutschen. Im Internet-Cafe von Raimo Halaanen können Fans ihr Geld vielmehr darauf setzen, wie viele NHL-Stars letztlich für Finnland auflaufen werden.

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