EU-Botschafter protestieren gegen Pekings Versteckspiel wegen der Lungenseuche
SARS gefährdet Chinas Exporte

Die Kanton-Messe, Chinas führende Leistungsschau für die Exportwirtschaft, droht zum Desaster zu werden. Aus Angst vor der ansteckenden Lungenseuche, deren Ausmaß von Peking bislang heruntergespielt wird, bleiben viele ausländische Besucher fern. Die Messe gilt als wichtiges Ausfuhrbarometer.

PEKING. Chinas restriktive Informationspolitik beim Kampf gegen die Lungenseuche SARS hat am Dienstag hinter den diplomatischen Kulissen zu einem Eklat geführt: Die EU-Botschafter in Peking protestierten mit einem gemeinsamen Brief an den Gesundheitsminister, weil den Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO zunächst kein Zugang zu Pekinger Militärkrankenhäusern gewährt wurde. Erst auf diesen diplomatischen Druck hin lenkte Peking ein.

Nach dem Besuch von zwei Militärkliniken schätzt nun der Frankfurter WHO-Virologe Wolfgang Preiser die Zahl der chinesischen SARS-Fälle höher als bislang gemeldet. Die Steigerung liege aber "nicht in den Hunderten". Offiziell sind in China bislang 64 Menschen an SARS gestorben, 1435 Menschen sind infiziert.

Inzwischen beginnt das Land durch die zunächst vertuschte Seuche, die zu Jahresbeginn in der Boomprovinz Guangdong ausgebrochen war, auch wirtschaftlich spürbar Schaden zu erleiden. Chinas größte Handelsmesse, die 93. "China Export Commodities Fair", die gestern in der Provinzhauptstadt von Guangdong ihre Pforten öffnete, droht ein Desaster zu werden. Wie bei der Seuche klaffen auch hier zwischen nachprüfbaren Fakten und Propaganda große Lücken. Die Veranstalter spielten zum Auftakt die Auswirkungen der SARS-Krise auf die eminent wichtige Messe herunter.

Mit 9 128 lokalen und ausländischen Firmen gebe es einen Ausstellerrekord, meldeten sie. In der Pressekonferenz zum Auftakt wurde Messe-Sprecher Xu Bin ungehalten, als Journalisten ihn nach genauen Zahlen fragten. "Ich sage, dass es einen Effekt gibt, aber uns erreichen immer noch Anfragen von ausländischen Besuchern", sagte Xu und beendete ohne weitere Erklärung die Veranstaltung.

Etwa 70 malaysische und 80 indische Geschäftsleute haben ihre Teilnahme abgesagt. Rund 1000 Gruppenbesucher aus Russland, Europa und den USA sind nicht gekommen. Dies erklärte ein Vertreter des Guangzhou International Travel Service. Die Fünf-Sterne-Hotels in der Stadt, die während der Kanton- Messe normalerweise bis zum Bersten gefüllt sind und bis zum Dreifachen der sonst üblichen Raten verlangen, melden nur halbe Auslastung. Im beliebten Hotel "Weißer Schwan" droht den Angestellten unbezahlter Urlaub. "Es ist wirklich tragisch", erzählt ein Reisemanager, der nicht genannt werden will, "die Faxe mit Absagen stapeln sich auf meinem Tisch bis zu den Schultern".

Für Chinas Wirtschaft verheißt das nichts Gutes. Denn die Messe gilt als erstes wichtiges Barometer für die möglichen Auswirkungen der SARS-Krise auf die chinesische Volkswirtschaft. Diese lief im ersten Quartal noch unter Volldampf - mit 9,9 % Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und einem Plus beim Außenhandelsvolumen von 40 %. 120 000 Besucher anzog, davon 20 % von außerhalb Asiens, bekäme Chinas Wirtschaft unmittelbar zu spüren. Denn 2002 wurden hier Abschlüsse mit einem Volumen von insgesamt 17 Mrd. Dollar getätigt. Das waren rund 14 % der chinesischen Gesamtexporte im Jahr. Allein die SARS-geplagte Boomprovinz Guangdong, in deren Hauptstadt Guangzhou die Messe zwei Mal im Jahr stattfindet, verkauft sonst jedes Jahr Waren für 90 Mrd. Dollar auf dem Weltmarkt.

Quelle: Handelsblatt

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