EU-Kommissar Günter Verheugen
Der Brüsseler Problemfall

Erst war es eine Beamtenschelte, dann ein Liebesurlaub mit seiner Kabinettschefin - nun bringen Nacktfotos EU-Kommissar Günter Verheugen in Bedrängnis. Doch selbst wenn die Aufnahmen aus ästhetischen oder rechtlichen Gründen in der Schublade bleiben sollten, gilt Verheugen spätestens jetzt als angeschlagen.

BRÜSSEL. Seine cholerische Beamtenschelte hatte Verheugen die Feindschaft der gesamten EU-Nomenklatura eingetragen. Dann der Wirbel um den Liebesurlaub mit Petra Erler, seiner wichtigsten Mitarbeiterin. Und jetzt wird bekannt, dass von den Tagen des unbeschwerten Glücks am litauischen Ostseestrand peinliche Nacktfotos existieren. Schon werden in EU-Kreisen Parallelen zur Plansch-Affäre des ehemaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping gezogen.

Scharping war 2002 als Verteidigungsminister entlassen worden. Unter anderem wegen einer Fotoserie, die den Minister mit seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati in einem Pool auf Mallorca zeigte. Während die Bundeswehr zur selben Zeit einen schwierigen Einsatz auf dem Balkan zu bewältigen hatte, turtelte der Minister liebestrunken auf einer Ferieninsel. Diese unmögliche Situation kostete Scharping sein Amt.

Für Verheugen gelten zwar andere Regeln. Der SPD-Politiker befehligt in Brüssel keine Soldaten, sondern ein Beamtenheer. Und es geht nicht um Leben und Tod, sondern um bessere Rechtsetzung und Bürokratieabbau. Dennoch ist die Ähnlichkeit beider Fälle frappierend. So wie Scharping scheint auch Verheugen das für einen Politiker lebenswichtige Gespür für die Etikette verloren zu haben.

Warum, so fragen selbst freundlich gesinnte Beobachter, musste der verheiratete Kommissar sich ausgerechnet auf eine Affäre mit einer Frau einlassen, die er wenige Monate zuvor zur Kabinettschefin befördert hatte? Und warum konnte er die traute Zweisamkeit nicht wenigstens in aller Stille genießen? Offenbar von allen guten Geistern der Vorsicht verlassen, bestellte der Vize-Präsident der Kommission bei der Lokalzeitung einen Fotografen, der das Paar Händchen haltend beim Spaziergang durch das litauische Klaipeda ablichtete. Im Oktober machten die Bilder in ganz Europa Schlagzeilen - und Verheugen geriet in arge Erklärungsnöte.

Jetzt sind sogar Nacktfotos der beiden im Umlauf, die in den Dünen der litauischen Küste geschossen wurden - allerdings heimlich. Hatte Scharping die Presse an den Pool gerufen, stellten Verheugen und Erler Paparazzi nach. Schwer kann es den Fotografen allerdings nicht gefallen sein, Schnappschüsse von dem prominenten Gast und seiner Begleitung zu ergattern. Verheugen hatte ja in ganz Klaipeda bekannt gegeben, dass er sich mit seiner Kabinettschefin dort zur Sommerfrische aufhält.

In Brüssel stellte sich der Sprecher von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gestern vor den deutschen Kommissar. Der Ehrenkodex der Kommission sei nicht verletzt worden, versicherte der Sprecher. Die Verhaltensregeln des Kollegiums sehen vor, dass die Kommissare "die Würde ihres Amtes" beruflich wie im Privatleben wahren sollen. Mit wem Herr Verheugen in Urlaub fahre, sei seine "Privatsache", stellte der Barroso-Sprecher klar.

Noch sind die Nackedei-Fotos nicht erschienen. Der "Focus" teilte mit, er prüfe derzeit eine Veröffentlichung. Womöglich werden die "Focus"-Leser den lediglich mit Baseball-Kappe bekleideten 62-jährigen Verheugen und seine 14 Jahre jüngere Sommer-Liebschaft nie in ganzer Schönheit zu sehen bekommen. Denn wie aus der Kommission verlautete, hat Petra Erler den Medienanwalt Matthias Prinz beauftragt, ihre Persönlichkeitsrechte zu verteidigen. Gegen ein Honorar von 700 Euro pro Stunde vertritt Prinz Opfer der Yellowpress. Für Mandanten wie Caroline von Monaco hat der Spezialist für Presserecht schon oft Magazine spüren lassen, was es kostet, mit illegal geschossenen Bildern die Privatsphäre seiner Klienten zu verletzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%