EU-Kommission beobachtet Übernahmepläne
Andersen steht Kraftprobe bevor

Der angeschlagenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Andersen steht am Mittwoch eine entscheidende Kraftprobe vor Gericht bevor.

Reuters NEW YORK. Die ehemaligen Enron-Buchprüfer sollen sich anlässlich der Anklageverlesung zu den Vorwürfen der Rechtsbehinderung äußern. Unterdessen setzte Andersen seine Verhandlungen zur Abspaltung des nicht-amerikanischen Geschäfts fort.

Mit der Verlesung der Anklageschrift vor dem Bundesgericht in Houston beginnt am Mittwoch das erste Strafverfahren im Zusammenhang mit der bislang größten Firmenpleite in den USA. Andersen wird vorgeworfen, noch nach Beginn der Untersuchungen des Enron-Zusammenbruchs im vergangenen Jahr Beweismaterial vernichtet und Dokumente in den Reißwolf gesteckt zu haben.

Andersen hatte in der vergangenen Woche ein Schuldeingeständnis abgelehnt und angekündigt, sich gegen die Anschuldigungen des US-Justizministeriums zur Wehr zu setzen. Doch nach Ansicht von Rechtsexperten dürfte Andersen vor Gericht einen schweren Stand haben.

"Sollten die vorgeblichen Fakten wahr sein, ist es, als würde man einem Baby die Süßigkeiten wegnehmen. Man könnte sich keine besseren Umstände ausdenken, um die Behinderung der Justiz zu demonstrieren", sagte Richard Kuniansky, ein ehemaliger Staatsanwalt und Spezialist für Wirtschaftskriminalität.

Andersen will durch Aufspaltung überleben

Andersen strebt derweil die Aufspaltung seines weltweiten Netzwerks aus Partnerschaften sowie den Verkauf der Steuer- und Beratungssparte in den USA an, bevor noch mehr Klienten abspringen. Zuletzt hatte sich der Energiehändler Dynegy am Dienstag von den Wirtschaftsprüfern getrennt.

Andersen-Partner in Asien und Europa haben sich bereits deutlich für eine Fusion mit dem Konkurrenten KPMG ausgesprochen. Das "Wall Street Journal" hatte zuvor berichtet, Deloitte Touche Tohmatsu sei an der Übernahme von Andersens Steuer- und Beratungssparten in den USA interessiert. Weder Andersen noch Deloitte äußerten sich bislang zu den Berichten. Aus unternehmensnahen Kreisen hieß es jedoch, Deloitte sei auf der Suche nach Kaufgelegenheiten.

Eine Einigung mit dem Rivalen KPMG könne Andersens Überleben als unabhängige US-Firma sichern, da die Buchprüfer des 88 Jahre alten Unternehmens ihre Energien auf das Strafverfahren und die Schadenersatzforderungen konzentrieren könnten, sagten Branchenexperten. "Andersen muss diese Sachen abschließen", sagte Joseph Carcello, Wirtschaftsprüfungsprofessor an der Universität von Tennessee. "Wenn sie durchhalten, werden viele Klienten bei ihnen bleiben wollen."

Andersen ist mit weltweit 85 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 9,3 Milliarden Dollar die kleinste der fünf großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in den USA. KPMG hat weltweit 100 000 Beschäftigte und macht jährlich 11,7 Milliarden Dollar Umsatz, davon stammen 7,4 Milliarden Dollar aus dem Nicht-US-Geschäft.

Der Zusammenschluss würde KPMG pro Jahr rund fünf Milliarden Dollar Umsatz aus dem nicht-amerikanischen Geschäft von Andersen einbringen. Andersen wiederum könne am Ende als reine Wirtschaftsprüfungsagentur wieder eine Spitzenposition anstreben, hieß es.

Abgesehen von den rechtlichen und finanziellen Problemen stehen einem Abschluss bislang auch wettbewerbsrechtliche Fragen entgegen. Die Europäische Kommission hat bereits angekündigt, Übernahmepläne bei den Wirtschaftsprüfern zu beobachten.

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