EU-Kommission verunsichert Kfz-Branche – Anhaltender Streit um Gruppenfreistellung
Autohändler bremsen Investitionen

Investitionsstreik im Automobilhandel: So lange die EU-Kommission in Brüssel keine Neuregelung für die so genannte Gruppenfreistellungs-Verordnung (GVO) vorgelegt hat, so lange liegen die meisten neuen Projekte in der Branche auf Eis. "In diesem Jahr wird sehr viel vorsichtiger investiert", bestätigt Jürgen Creutzig, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK).

zel DÜSSELDORF. Das im vergangenen Jahr in Deutschland erreichte Investitionsniveau von 1,1 Mrd. Euro wird nach Angaben des ZDK im Jahr 2001 wahrscheinlich unterschritten. Die Autohändler reagierten damit auf die unsichere rechtliche Lage. Allein in der Volkswagen-Verkaufsorganisation waren die Investitionen nach ZDK-Angaben bereits 1999 von 650 auf 350 Mill. Euro gesunken. Das gesamte deutsche Kraftfahrzeuggewerbe hatte 1999 in insgesamt 48 000 Betrieben 260 Mrd. DM umgesetzt.

Das sperrige Wort Gruppenfreistellungs-Verordnung steht für eine der am meisten diskutierten Fragen innerhalb der Automobilbranche. Die derzeit gültige GVO garantiert den Automobilherstellern exklusive Händlernetze. Einfach formuliert bedeutet das: Die Hersteller müssen ihre Autos innerhalb Europas nicht an jeden beliebigen Händler verkaufen, sondern vertreiben sie ausschließlich über die von ihnen selbst ausgewählten Händlerbetriebe.

Doch spätestens im Herbst kommenden Jahres läuft die GVO aus. Bis dahin muss die EU-Kommission in Brüssel eine neue Regelung ausarbeiten. Die ersten Hinweise von Wettbewerbskommissar Mario Monti deuten darauf hin, dass es die exklusiven Händlernetze für den Neuwagen-Verkauf in ihrer gegenwärtigen Form nicht mehr geben soll. Brüssel könnte vor allem die "quantitative Selektion" kippen: Jeder Automobilhersteller hat im Moment noch die Möglichkeit, die Zahl der Händler in einer Verkaufsregion von sich aus zu begrenzen.

Der ZDK, der deutsche Dachverband der Automobilhändler, verlangt von den Herstellern daher einen Investitionsschutz, damit die überwiegend mittelständisch geprägten Betriebe wieder in neue Hallen und Werkstätten investieren. ZDK-Chef Creutzig will den Investitionsschutz in der neuen GVO festschreiben lassen. Andernfalls könne man "sich diesen Schutz auch gerichtlich absichern lassen", droht er indirekt den großen Automobilkonzernen. Die Hersteller machten den Händlern schließlich genaue Vorschriften über die Bauinvestitionen. Die Autowerkstatt genieße Vertrauensschutz, die Hersteller müssten den Händlern die Amortisation des Investments für acht Jahre garantieren.

Aus Sicht des ZDK haben die Herstellers die Situation der Händler zusätzlich erschwert: "Fast die Hälfte der Vertragshändler lebt derzeit in gekündigtem Zustand", beklagt Creutzig. Denn wegen der bevorstehenden Änderung der GVO haben viele Konzerne ihren Händlern bereits vorsorglich gekündigt, um mögliche Änderungen Ende nächsten Jahres sofort umsetzen zu können.

"Bis wir nichts Neues aus Brüssel hören, werden Investitionen natürlich geschoben", bestätigt Friedrich-Karl Bonten, Vorsitzender des Fiat-Händlerverbandes. Die größten Probleme bereite das mögliche Ende der "quantitativen Selektion": Werde dem einzelnen Händler kein regionales Gebietsmonopol garantiert, lohnten sich auch die Investitionen nicht mehr. Eine mögliche Folge könne das Verschwinden weiterer Automobilhändler sein. Nach ZDK-Angaben ist die Zahl der Markenhändler in den vergangenen zehn Jahren um gut 6 000 auf 15 500 zurückgegangen.

Händler sind verunsichert

Johann Gesthuysen vom Ford-Händlerverband spricht von einer "Unsicherheit in der Händlerschaft". In den einzelnen Unternehmen werde derzeit sehr genau nachgerechnet, ob sich eine Investition auf Dauer überhaupt noch lohne. "Auch Opel ist davon betroffen", bestätigt Uwe Heymann, Geschäftsführer des Verbandes der Opel-Händler. Neue Handelsformen wie Direktvertrieb des Herstellers oder das Internet machten Investitionen in den eigenen Betrieb noch unsicherer.

Etwas gelassener wird die Lage lediglich bei Premiummarken wie etwa BMW gesehen. Das Image der Marke und der feste Kundenstamm ließen die Händler ruhiger schlafen, sagt Peter Enders, Vorsitzender des BMW-Händlerverbandes. Allerdings dächten auch seine Kollegen derzeit sehr genau über zusätzliche Investitionen nach.

Aus Sicht von Friedrich-Karl Bonten ist nicht nur bei Fiat, sondern in der gesamten Branche die der "glitzernden Glaspaläste" an den Stadträndern vorüber. Die Branche verdiene schon jetzt kaum die erforderlichen Renditen, die Unsicherheit um die GVO verschärfe die Lage zusätzlich.

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