EU-Ministerrat
Wo die Vertreter regieren

Deutschland entsendet einen neuen EU-Botschafter in den Ministerrat. Edmund Duckwitz vertritt ab sofort Deutschlands Interessen am Sitz der EU-Institutionen. Sein Vorgänger sprach gern von einem "unmöglichen Job". Unmöglich, weil die Chefdiplomaten der 27 EU-Mitgliedsländer oft selbst Politik machen.

BRÜSSEL. Der Schreibtisch ist blitzsauber und frei von Aktenstapeln. Hier sitzt einer, der sein Büro erst vor kurzem bezogen hat. Edmund Duckwitz, hoch gewachsen, schlank, fremdelt noch ein wenig in der neuen Umgebung. Vor einer Woche hat der 58-jährige promovierte Jurist seine Diensträume in der Brüsseler Rue de Lalaing bezogen.

Duckwitz, ein lupenreiner Karrierediplomat mit Stationen rund um den Globus, ist seit dem 20. August deutscher EU-Botschafter in Brüssel. Er trat die Nachfolge von Wilhelm Schönfelder an, der zwischen 1999 und Juli 2007 Deutschlands Interessen am Sitz der EU-Institutionen artikuliert hat. "Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union", heißt im korrekten Amtsjargon eine der prestigeträchtigsten Positionen, die Deutschlands diplomatischer Dienst zu vergeben hat. Wenn der Schlips etwas lockerer saß, sprach Duckwitz? Vorgänger gern von einem "unmöglichen Job".

Unmöglich, weil die Chefdiplomaten der 27 EU-Mitgliedsländer oft selbst Politik machen, was ihnen als Beamte gar nicht zukommt. Doch anders wäre die Arbeit im hochkomplexen Räderwerk der Gemeinschaft wohl kaum zu bewältigen. In der wöchentlichen Botschafterrunde, dem "Ausschuss der Ständigen Vertreter", fallen die wichtigsten Vorentscheidungen des Ministerrats. Wenn die Ressortchefs zu ihren monatlichen Treffen zusammenkommen oder die Staats- und Regierungschefs zu einem der regelmäßigen EU-Gipfeltreffen nach Brüssel reisen, haben ihre hiesigen Statthalter in der Regel bereits gründliche Arbeit geleistet, so dass die meisten Dossiers nur noch per Akklamation angenommen werden müssen. Der Streit bleibt auf ganz wenige Fälle begrenzt. "Die Kunst besteht darin, flexibel Kompromisse auszuloten, ohne gegen Weisungen aus der Hauptstadt zu verstoßen", beschrieb Schönfelder einmal den permanenten Balanceakt, der nötig ist, damit die EU wenigstens halbwegs funktioniert.

Ein hoher Beamter aus dem Ministerrat erzählt, dass Botschafter, die sich sklavisch an ihre Sprechzettel hielten, schnell im Abseits stünden. Der Ausschuss der Ständigen Vertreter sei "eine vertrauliche Runde, in der eigene Gesetze gelten". Viele der Botschafter duzen sich und sind eng befreundet. Einmal pro Jahr veranstalten die Chef-Diplomaten eine Art Klassenfahrt samt Ehefrauen. Schon für manches EU-Problem fand sich anschließend doch ein Ausweg.

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