EU-Razzia bei deutschen Verlagen
Kartellverdacht im Buchpreisstreit

dpa BRÜSSEL/FRANKFURT/MAIN. Wegen Kartellverdachts haben EU- Ermittler am Mittwoch in Deutschland und Österreich mehrere Verlage und Buch-Großhändler durchsucht. Das bestätigte ein Sprecher von EU- Wettbewerbskommissar Mario Monti in Brüssel. Bei den Ermittlungen gehe es um den Lieferstopp gegen den österreichischen Handelskonzern Libro. "Wir suchen nach Beweisen für eine Absprache, Libro zu boykottieren." Libro hatte sich Anfang Juli bei der EU über die Lieferstopps zahlreicher Verlage und Grossisten beschwert. Preis- und Konditionenabsprachen zwischen Unternehmen sind in der EU verboten. Falls sie bewiesen werden, drohen hohe Bußgelder.

Von der Razzia betroffen waren unter anderem der Berliner Aufbau Verlag, - die Verlagsgruppe Bertelsmann in München, die Grossisten KNO (Stuttgart) und K+V (Köln) sowie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. Sie alle hatten Libro mit einem Lieferstopp belegt, nachdem dieser Anfang Juli in seinem Internet-Buchhandel Lion.cc Bestseller für deutsche Kunden mit 20 % Rabatt angepriesen hatte. Damit verstieß Libro aus Sicht der Verlage gegen die deutsche Buchpreisbindung. Libro konterte mit der Beschwerde in Brüssel und mit mehr als einem Dutzend einstweiliger Verfügungen. Diese zog Libro jedoch in der vergangenen Woche zurück.

Auch Libro selbst bekam in seiner Zentrale in Guntramsdorf bei Wien Besuch von EU-Ermittlern. Die Kommission geht dem Verdacht einer unzulässigen Preisabsprache nach. Hintergrund sind in diesem Fall Verhandlungen zwischen Bertelsmann und Libro. Beide hatten sich am vergangenen Freitag darauf geeinigt, dass Bertelsmann Libro von Montag (31.7.) an wieder beliefern werde, wenn Libro im Gegenzug die Bestseller-Rabatte im Internet zurücknehme. Dies ist inzwischen geschehen, auf der Homepage finden sich keine Hinweise auf rabattierte Bestseller mehr.

Der Vorwurf, der Aufbau-Verlag habe sich mit anderen Verlagen über einen Lieferboykott von Libro verständigt, sei absurd und aus der Luft gegriffen, sagte Aufbau-Verleger Bernd F. Lunkewitz. "Ich frage mich, ob die Europäische Kommission hier unabhängig ermittelt, oder ob sie versucht, kleine und mittlere Verlage unter Druck zu setzen", sagte Lunkewitz. Die Durchsuchungen dienten der Stimmungsmache und Einschüchterung. Börsenvereinssprecher Eugen Emmerling sagte, mehrere Beamte der Kommission hätten "Akteneinsicht genommen". Man sei von der Aktion "überrascht" gewesen, "aber wir haben nichts zu verbergen".

Bei der seit 1. August in Niedernhausen/Taunus ansässigen 100-prozentigen Bertelsmann-Tochter Falken waren die Brüsseler Ermittler nach Angaben eines Sprechers nicht. Der Ratgeberverlag habe seine Lieferungen an Libro trotz der Einigung mit der Falken-Mutter Bertelsmann noch nicht wieder aufgenommen. Auch beim Frankfurter S. Fischer Verlag, der Libro ebenfalls weiterhin boykottiert, gab es keine Durchsuchungsaktion. Ein für Mittwoch angesetztes mündliches Verfahren gegen beide Verlage wurde abgesagt, weil Libro auch hier seine Anträge auf einstweilige Verfügungen zurückgenommen hatte. Gleiches gilt für den Grossisten KNO in Stuttgart, wo am Montag eine Anhörung abgesetzt worden war.

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