EU-Sanktionen scheinen abgewendet
Nitrofen: Würstchen-Test bringt Erlösung

Der Nitrofen-Skandal in Deutschland hat nun auch europäische Dimensionen angenommen. Der Wirrwarr der Berichte über das Ausmaß des Skandals führte bei der EU-Kommission zu besorgten Fragen, ob Berlin das Problem mit belasteten Öko-Lebensmitteln überhaupt im Griff hat.

dpa BERLIN. Nachtschichten wurden eingelegt, Stapel von Lieferlisten immer und immer wieder durchforstet, die Agrar-Staatssekretäre zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Erlösung brachte am Sonntagnachmittag das amtliche Endergebnis der Tests von Meica-Würstchen: Es wurde kein Nitrofen festgestellt. Aus Sicht des Berliner Ministeriums ist die Gefahr einer europaweiten Sperre für Öko-Lebensmittel damit gebannt, denn im Zusammenhang mit Meica war eine zweite Quelle der Nitrofen- Verunreinigung vermutet worden.

Ein Verkaufsverbot könnte schwer wiegende Konsequenzen für das zarte Pflänzchen Öko-Landwirtschaft in Deutschland haben. Auf dem Spiel steht das Ziel von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne), die Öko-Branche mit rund 14 000 Betrieben aus dem Nischendasein herauszuholen und zu einer Wachstumsbranche zu machen. Öko-Bauern befürchten einen immensen Image-Schaden durch den Nitrofen-Skandal.

Noch bevor die EU-Kommission sich an diesem Montag mit den Konsequenzen des Nitrofen-Skandals beschäftigen wird, bekam Deutschland aber bereits die erste Quittung. Belgien verkündete im Alleingang einen Stopp für deutsche Bio-Produkte, die nicht das Zertifikat "Nitrofen-frei" tragen.

Wie groß die Gefahr von EU-Sanktionen ist, wurde dem Künast- Ministerium spätestens am Freitagabend klar, als besorgte Anrufe aus Brüssel eingingen, ob es weitere Quellen der Nitrofen-Belastung gebe. "Den Abend und zwei Drittel der Nacht", so Staatssekretär Alexander Müller (Grüne), habe er immer und immer wieder Unterlagen der Unternehmen durchgewühlt, die in die Lieferungen von Futtergetreide aus einer Nitrofen-verseuchten Halle in Malchin (Mecklenburg-Vorpommern) verwickelt waren.

Bis spät in die Nacht liefen die Drähte zwischen Bund und Ländern heiß. "Und siehe da", sagte Müller. Es kamen überraschende, neue Erkenntnisse zu Tage, die sogleich neue Fragen aufwarfen. Erst in detektivischer Kleinarbeit stießen die Beamten darauf, dass aus Malchin bereits einen Monat früher als bekannt Getreide ausgeliefert worden war. Den entscheidenden Hinweis fanden sie in der Buchprüfung eines Zwischenhändlers.

Weder in den Unterlagen der Norddeutschen Saat- und Pflanzgut AG (NSP), die die Halle in Malchin angemietet hatte, noch des Futtermittelherstellers GS agri, der das belastete Futter an Öko- Betriebe verkaufte, war der entsprechende Eintrag zu finden. Dies dürfte Konsequenzen haben.

Ärger herrscht im Berliner Ministerium jetzt vor allem über das "Schwadronieren" Niedersachsens, es gebe eine zweite Nitrofen-Quelle. Denn erst die Berichte aus Hannover, dass es neben der Halle in Malchin eine zweite Nitrofen-Quelle geben könne, habe Brüssel auf den Plan gebracht, heißt es. Außerdem beklagte das Ministerium, dass sich die Niedersachsen mit dem endgültigen Test der Meica-Würstchen so lange Zeit ließen.

Das Durcheinander der Informationen im Nitrofen-Skandal ist für Künasts Ministerium ein Beleg dafür, dass der Bund mehr Eingriffsmöglichkeiten in die Zuständigkeiten der Länder haben sollte. Kontrollen und Ermittlungen im Lebensmittelbereich sind allein Ländersache. In Berlin heißt es dazu: "Wir müssen schlagkräftigere Überwachungsstrukturen schaffen."

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