EU-Sprachenstreit
Lisez-vous le français?

Französische Diplomaten starten in der Europäischen Union eine Charmeoffensive eigener Art: Sie beharren nicht mehr auf ihrer eigenen Sprache, sondern stehen in exzellentem Englisch Rede und Antwort. Doch dahinter steht knallhartes Kalkül.

PARIS/BERLIN. Jean Levitte-David ist ein wichtiger Mann in Paris. Gerade erst ist der Karrierediplomat des französischen Präsidenten informell befördert worden. Jede Rede, die Nicolas Sarkozy künftig im Ausland hält, soll künftig auch über seinen Tisch gehen. Seine Kontrolle soll sicherstellen, dass aus Frankreich so kurz vor dem eigenen EU-Ratsvorsitz ab 1. Juli nicht erneut Misstöne wie bei Sarkozys Plan einer Mittelmeer-Union erklingen.

Es lohnt sich also nicht nur, genau hinzuhören, was Levitte sagt, sondern auch wie. Und da überrascht er mit einem völlig neuen Stil: Selbst in Paris bietet der Diplomat etwa Journalisten an, auch auf Englisch zu reden, wenn dies einfacher sei. Und Levitte ist nicht alleine: Schon vor Monaten hat die französische Diplomatie eine europaweite Charmeoffensive gestartet, bei der Topdiplomaten in exzellentem Englisch Rede und Antwort stehen. Französische Sprachenarroganz? Die früher oft beklagte Marotte scheint beseitigt.

Doch der Eindruck täuscht etwas: Denn hinter den Kulissen zeigt sich bei der Vorbereitung der kommenden EU-Präsidentschaft gerade, dass Frankreich eigene Sprachinteressen weiter knallhart verfolgt. Seit klar ist, dass die kommende Präsidentschaft für die Beratungen der 27 EU-Staaten auf Beamtenebene nur Texte auf Französisch vorlegen will, schrillen in vielen EU-Hauptstädten jedenfalls die Alarmglocken. Gerade osteuropäische Ministerialbeamte aus Ressorts wie Landwirtschaft oder Verkehr sind des Französischen nicht mächtig und fürchten, über den Tisch gezogen zu werden. Selbst erfahrene deutsche EU-Diplomaten räumen ein, es sei trotz guter Sprachkenntnisse schwierig, Verhandlungen über Detailänderungen an französischen Texte zu führen.

Deshalb hat mittlerweile auch die Bundesregierung hinter den Kulissen nachdrücklich in Paris interveniert. Formal handelt die französische Regierung zwar korrekt. Übersetzungen muss ein Ratsvorsitz erst auf höheren Ebenen, etwa für die Minister, präsentieren. Aber für das Gelingen einer Präsidentschaft sei die Sympathie der Partner nötig, kommt der warnende Hinweis. Die könne man sich durch einen schlechten Stil im ohnehin großen Brüsseler Sprachenwirrwarr verderben.

Ganz uneigennützig ist das nicht. Auch die Bundesregierung dringt darauf, dass Paris zumindest im wichtigen Wirtschafts- und Finanzausschuss die Texte auf Englisch vorlegt, wie dies bisher üblich ist. Das derzeitige Geplänkel ist zudem nur ein Vorspiel zu der Frage, welches Sprachenregime eigentlich im künftigen Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) gelten soll: Dabei wird um Macht und Einfluss gerungen. Denn tritt der Lissabonner Vertrag wie geplant am 1. Januar 2009 in Kraft, wird dieser neue Diplomatenapparat immerhin die EU nach außen repräsentieren. Erhält der EAD das Sprachenregime des Rates, wird intern nur Englisch und Französisch gesprochen. Gelten die Regeln der EU-Kommission, ist dagegen auch Deutsch Arbeitssprache.

Auch die Bundesländer und der Bundestag wachen übrigens auf und entdecken den Machtfaktor Sprache. Denn Abgeordneten wie dem FDP-Fraktionsvize Werner Hoyer schwant, dass die geplanten neuen Einspruchsrechte der Parlamentarier bei EU-Vorhaben verpuffen, wenn die Abgeordneten erst lange auf Übersetzungen warten müssen. Im April haben deshalb bereits mehrere deutschsprachige Regionen in Europa einen Vorstoß zur stärkeren Verwendung des Deutschen in der EU gestartet. Die Bundesregierung unterstützt dies.

Aber Hoyer wirft der Bundesregierung mangelndes Engagement vor. "Ich sage voraus, dass das Ereignis im EAD ein Zweisprachenregime mit Englisch und Französisch sein wird, wenn sich Außenminister Frank Steinmeier-Walter nicht mit aller Kraft für Deutsch einsetzt", sagte Hoyer.

Immerhin kann Berlin in den Diskussionen mit Paris auf das eigene gute Vorbild verweisen. Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr wurden die Dokumente den Partnern fast immer auch auf Englisch präsentiert. Vor allem in der Debatte über die Außen- und Sicherheitspolitik sei dies wichtig und sinnvoll, heißt es in Berlin als Begründung. Die internationalen Debatten würden seit langem mit den eingeführten englischen Begriffen geführt.

Nur Frankreich nennt die Nato noch Otan.

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