EU-Studie
Wie viel kostet uns der Terror?

Der Linzer Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider versucht im Auftrag der EU-Kommission die Frage zu beantworten, warum ein Mensch Terrorist wird. Der Kommission ist das 2,4 Millionen Euro wert.

BERLIN. "Warum ein Mensch Terrorist wird, ist eine perfekte ökonomische Frage." Wer Friedrich Schneider, Wirtschaftsprofessor an der Universität Linz, solche Sätze sagen hört, wird angesichts des menschlichen Leids nach blutigen Terroranschlägen den Eindruck nicht los, hier haben sich Ökonomen in ihrem Elfenbeinturm verschanzt. Aber die Wirtschaftswissenschaftler, die im Auftrag der EU-Kommission gerade ein Forschungsprojekt zur "Ökonomie der Sicherheit" begonnen haben, bestreiten dies vehement: Sie seien sehr realitätsnah.

Und ihre Grundannahme sei ökonomisch gut begründet: "Geopfert wird unser wichtigster Wert, die Freiheit. Aber Freiheit ist die Grundvoraussetzung für Wirtschaftswachstum, und die mit den Antiterrormaßnahmen eingeleiteten Überregulierungen kosten - wie alle Überregulierungen - Wachstum", sagt Tilman Brück, Abteilungsleiter für Weltwirtschaft beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das hat die Federführung des Projekts.

Die nüchterne Betrachtung der Ökonomen klingt angesichts der leiderfüllten Opferbilder im Hinterkopf gnadenlos zynisch. Doch immerhin ist den USA die Erforschung der Gründe und Folgen des Terrorismus auch mit den bewährten Theorien der Ökonomie jährlich Forschungsausgaben von fünf bis sieben Millionen Dollar wert. Die EU-Kommission lässt sich das Berliner Projekt jetzt gerade einmal 2,4 Millionen Euro kosten.

Doch lassen sich die Kosten des Terrorismus wirklich erforschen? Vor allem die Kosten für die Antiterrormaßnahmen, die weit über die Anschaffung von Überwachungskameras, Abhörtechnik und Personalausgaben für immer mehr Sicherheitskräfte hinausgehen? "Terroristische Vereinigungen sind ja ganz spezielle Formen von Firmen", lassen die Forscher dazu schon einmal wissen. Und ihrer Erkenntnis nach sind die Kosten der fehlenden Einwanderung von Studenten und Jungwissenschaftlern zum Studium in die USA am Ende viel höher für Amerika und seine weitere Entwicklung als die 43 Mrd. Dollar, die US-Sicherheitsbehörden allein den Fluggesellschaften für das Mehr an vermeintlicher Sicherheit aufgebürdet haben.

Dabei sind die Kosten des Terrors allein schon schwer zu ermitteln. Wie etwa ist ein bei einem Anschlag Getöteter zu bewerten? Auch darauf hat Schneider eine klare Antwort: Mit 500 000 Euro etwa müsse ein getöteter Hochschullehrer um die 50 Jahre veranschlagt werden. Die Terrorattacken am 11. September 2001 auf New York hätten 0,25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts gekostet. Zu den direkten Kosten für Versicherungen, durch Nachfrageausfälle und Kursrückschläge an den Weltfinanzmärkten käme vor allem ein weiterer großer Kostenfaktor: die Angst.

Aber was kostet die von Terroristen verbreitete Angst und wie viel die Folgen davon für Arbeitsplätze, Investitionen, Konsumenten? Die Antworten darauf gibt es in vier Jahren. Dann wollen die Forscher ihre Ergebnisse vorlegen und auch die Schlussfolgerungen auf die makabre Erkenntnis, dass die Kosten allein des Terroranschlags von 9/11 mit einem viertel Prozentpunkt des BIP niedriger lagen als bisher schon die Präventionsmaßnahmen zum Verhindern erneuter Anschläge, die laut Schneider bislang mit 0,3 bis 0,4 Prozent des BIP zu Buche schlügen.

Aber, und so weit darf man wohl kaum denken, darf man auf Antiterrormaßnahmen verzichten, nur weil sie teurer sind als ein Anschlag?

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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