Euro 2008
Durch den Regen freigeschwommen

Erst spät haben die Ausrichterländer die Euro 2008 entdeckt und erkannt, dass sie das Fest nicht nur ausrichten, sondern auch selber feiern müssen. Sie haben dazu die karnevalesken Holländer gebraucht, die den Schweizern vorgeführt haben, dass Fan sein nicht gleichzusetzen ist mit dumpfem Patriotismus. Und sie haben den Dauerregen gebraucht.

WIEN. Es gehört zu den Aufgaben William Gaillards, auch die unscheinbaren Fakten den Reportern bei der Europameisterschaft mitzuteilen. Gaillard ist Sprecher und Mediendirektor der Europäischen Fußball-Union. Am Samstag, im Wiener Ernst-Happel-Stadion, führte er seinen Präsidenten Michel Platini durch dessen Bilanz-Konferenz. "Meine Damen und Herren", hob Gaillard an, "bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen wie üblich die Information für das Wochenende übermitteln. Das Wetter: Heute 28 Grad Celsius, am Sonntag ebenfalls. Regenwahrscheinlichkeit gibt es für morgen Vormittag. Es sollte am Abend aber trocken sein."

Platini schob die Unterlippe ein wenig vor, nickte anerkennend und brach schließlich in Lachen aus. "William", sagte Platini zu seinem Nachbarn gewandt, "ich wusste gar nicht, dass Sie auch Wetterberichte abgeben. Das finde ich gut."

Die Pointe zündete, Heiterkeit im Saal. Viele der Anwesenden hatten das erste Spiel dieser EM noch gut in Erinnerung, Regen bei Schweiz gegen Tschechien. Auch wenige Tage später hatte es geregnet, wieder in Basel, wieder bei einem Spiel des Gastgebers, dieses Mal gegen die Türkei, es ist in die Geschichte eingegangen als die Wasserschlacht vom St. Jakob. So gesehen dürfte es der Uefa eine Freude gewesen sein, zu sehen, dass die vor ihnen Versammelten sich versöhnt hatten mit dem größten Widersacher: Dem Wetter.

Es ist ihnen allerdings nicht leicht gefallen. Viele waren schon vor vier Jahren bei der EM in Portugal dabei und haben auch von der WM vor zwei Jahren in Deutschland berichtet. Beides sonnenbeschienene Turniere, und so betrachtet hatten Österreicher und Schweizer von Beginn an eigentlich wenig Chancen, dem Schatten der Vergangenheit zu entfliehen. Das hat schon der erste Regentropfen verhindert.

Gerade seitens der Berichterstatter aus dem Nachbarland im Norden schwang in beinahe jedem Bericht das Wetter mit. Wie ein Speer wurde der Begriff "Sommermärchen" über die Alpen getragen und den Gastgebern auf die Brust gesetzt. Dass es sich so schwer atmen lässt, ist die logische Folge gewesen, zumal beide in folkloristischer Abneigung gegenüber den Deutschen doch immer ein wenig nach Norden schielen. Erst spät ist ihnen aufgegangen, dass Fußballspiele im Regen auf Straßen und Plätzen genauso ein kindliches Vergnügen sein können wie auf dem Rasen, und dass es sich besser lebt nach eigener Fasson statt nach den Vorstellungen anderer. Zu dieser Erkenntnis haben sie fast zehn Tage gebraucht.

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