Euro 2008
Türkei kopiert deutsches Fitnesskonzept

Gewiss, das Ambiente wirkt ein wenig eigenwillig. Die schweren Holzbalken, diese dicken Mauern. Und erst die Lage. Tief in Westfalen, in Marienfeld. Nebenan steht ein berühmtes Kloster. Gut möglich, dass sich seinerzeit Luiz Felipe Scolari, der scheidende portugiesische Nationaltrainer, in der Vorbereitung seiner Mannschaft auf die WM hier gut aufgehoben fühlte.

MARIENFELD. Aber die Türken? Sie folgten im Vorfeld der Europameisterschaft dem Beispiel des damaligen WM-Halbfinalisten, der sein Quartier während der vier WM-Wochen dort aufgeschlagen hatte. So zog auch die Mannschaft von Fatih Terim nach Marienfeld, um sich in der Abgeschiedenheit einsamer Waldwege, wo einem jeden Augenblick ein Waschbär entgegenkommen kann, auf dieses Turnier vorzubereiten.

Aber schließlich war auch Ottmar Hitzfeld mit dem FC Bayern schon hier gewesen. Selbst José Mourinho hat mit dem FC Porto vorbeigeschaut. Große Vereine und Männer des Weltfußballs, allesamt Strategen mit imponierenden Leistungsnachweisen.

Fatih Terim, der türkische Nationaltrainer, ist einer, der sich in deren Erbfolge sieht. Und er meinte es ernst. Wer die Türken beim Training in Marienfeld besuchte, der bekam einen sonderbaren Eindruck. Terims Kommandos waren scharf, seine Spieler gingen mit äußerstem Einsatz zur Sache.

Kein Vergleich zum lockeren Austraben mancher Konkurrenten. Eher ähnelte es dem verbissenen Ringen der Deutschen, um rechtzeitig ihre Turnierform noch zu erreichen. Hamit Altintop kämpfte mit Atemnot. Kapitän Nihat kam tüchtig ins Schwitzen. Und mittendrin brüllte ein Mann Kommandos, die sehr amerikanisch klangen. Es war Scott Piri, der Fitnesstrainer.

Im Januar war Fatih Terim nach New York geflogen, um die Firma Athlete?s Performance mit dem Ziel zu kontaktieren, seinen Spielern Beine zu machen. Nun ist das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien nicht irgendeine Fitness Company, sondern mehrheitlich im Besitz von Marc Verstegen, jenem Fitnessguru, den Jürgen Klinsmann vor vier Jahren nach Deutschland importierte, um die deutsche Nationalelf für die Heim-WM zu präparieren. Das wollte nun auch Terim, sprach mit Verstegen, der Piri nach Marienfeld entsandte, weil er sich selbst ja schon den Deutschen versprochen hatte.

Für die Türken ist die Arbeit mit Gewichten und Gummibändern neu - so neu, wie sie es vor vier Jahren auch für die Deutschen war. Anders aber als seinerzeit Jürgen Klinsmann musste sich Terim nicht für die Methoden aus den USA rechtfertigen. Verstegens Leute hatten ihre Wirksamkeit schon bei einer topfitten deutschen Mannschaft im WM-Sommer nachgewiesen. Und überdies haben viele Dinge im Fußball, die von Deutschland adaptiert werden, in der Türkei einen guten Ruf.

Die Spiele der türkischen Elf bestätigen nun den Wert der Schinderei - sie lieben es geradezu, ihre Partien erst in der Nachspielzeit zu wenden. Und Terim bekräftigte einmal mehr sein Image, sich bei aller Autorität den Neuerungen der Trainingsarbeit nicht zu verschließen. Er dürfte sich schon vor dem heutigen Halbfinale bestätigt sehen: Was die Kondition angeht, waren seine Kicker bislang die noch besseren Deutschen.

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