"Euro Creep"
Der Euro schleicht sich in Großbritannien ein

Großbritannien ist offiziell kein Land der Eurozone. Doch weitsichtige Geschäftsleute haben Buchhaltung und sogar Ladenkassen schon umgestellt: Scheine und Münzen der Europawährung sind höchst willkommen. Das ist die Wirklichkeit - ganz anders als das, was die Politiker entschieden oder auch nicht entschieden haben.

dpa-afx LONDON. "Euro Creep" heißt das Phänomen in der englischen Sprache bereits: Der Euro schleicht sich einfach als Zweitwährung neben dem vertrauten und teuren Pfund Sterling ein. Und selbstverständlich ist es reiner Zufall, dass das Wort "creep" nicht nur fürs Einschleichen steht, sondern als Substantiv auch "Fiesling" bedeutet. Mit Entsetzen warnen die Konservativen, erbitterte Gegner eines Beitritts zum Euro-Raum, schon vor einem Zwei-Währungs-Land.

In einer ganzen Reihe großer Unternehmen wird man ab Jahresanfang oder spätestens zum Frühjahr mit Euro ebenso bezahlen können wie mit Pfund. Das gilt vom Buchhändler W. H. Smith bis hin zu Harrods. Auch der Elektrogroßhändler Dixons nimmt gerne Euro entgegen - obwohl Firmenchef Sir Stanley Kalms ein prominentes Mitglied der Anti-Euro-Liga namens "Business for Sterling" ist. Die Chefs der Kaufhauskette Marks and Spencer hatten schon vor zwei Jahren damit begonnen, in allen Läden eigene Kassen für Kundschaft mit Euros zu schaffen.

"Euro Creep ist ein Phänomen, das immer weiter um sich greifen wird", sagt Ian Fletcher, der Chefvolkswirt der Britischen Handelskammer. Er ist überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die letzten Bastionen Buckingham Palace und Windsor Castle fallen. So erklärte die Organisation Historic Royal Places, die den Londoner Tower und den Kensington-Palast verwaltet, ab der nächsten Touristensaison im Frühjahr werde man selbstverständlich auch Euro akzeptieren. Es versteht sich, dass auch Madame Tussaud's den Euro liebt. Vier Milliarden Pfund (12,6 Mrd. DM/6,5 Mrd. Euro) haben rund 13 Millionen Touristen aus der Eurozone in diesem Jahr in Großbritannien ausgegeben.

Blair hofft auf Überzeugungskraft des Faktischen

Premierminister Tony Blair hatte sich in seiner ersten Amtszeit nicht getraut, die Bürger in einem Referendum über den Beitritt zum Euro entscheiden zu lassen. Er hofft nach Angaben aus seiner Umgebung darauf, dass er ungeachtet der Ablehnung des Euro durch zwei Drittel der Bevölkerung in allen Meinungsumfragen eine Mehrheit bekommen wird, wenn er vermutlich in zwei Jahren das Volk entscheiden lässt - nachdem es das Euro-Geld in der Hand gehabt und erfahren hat, dass es sich dabei nicht um Teufelszeug handelt.

Der Sinn fürs Undogmatische, Praktische und Nützliche, den die Briten als eine Nationaltugend betrachten, feiert Triumphe. Die großen Supermärkte haben schon mal die Einkaufswägelchen umgerüstet: Niemand soll draußen vor der Tür bleiben, weil er nur Euro-Hartgeld im Portemonnaie hat.

Auch Telefonrechnung in Euro

Andere große Unternehmen von British Telecom bis British Gas bieten den Kunden an, die Rechnungen künftig in Euro auszustellen. Die Telefonzellen werden allmählich umgestellt, damit auch Euros in die Schlitze passen. Und die britische Steuerbehörde Inland Revenue, die wichtigste Behörde des als euro-skeptisch geltenden Finanzminister Gordon Brown, hat nichts dagegen, wenn man den Steuerbescheid in Euro haben und in Euro bezahlen will.

Im Großen rechnen viele britische Unternehmen sowieso schon mit dem Euro, weil ihre kontinentalen Geschäftspartner auf Kalkulationen in Euro bestehen. Aber auch im Kleinen kriecht der Euro in die britischen Kassen, wenn auch vielleicht nicht in die Herzen: Selbst auf den großen Märkten, die von vielen Touristen besucht werden, kann künftig mit Euro bezahlt werden. Wenceslas Maynes, der einen Schmuckstand auf dem Camden Lock Market betreibt, sieht das ganz praktisch: "Ich kaufe sowieso viel Schmuck in Spanien. Da brauche ich dann gar nicht erst umzutauschen."

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