Euro für Frankreich nur Vorbereitung
Domenech: Ein Vermittlungsproblem, pardon!

Das Ziel bei dieser EM? Raymond Domenech hat es gestern Morgen nachgereicht. Ein wenig spät vielleicht, aber immerhin. „Ich hätte es früher formulieren müssen“, so Frankreichs Nationaltrainer. „Ich hätte einfach sagen sollen: Erwartet nicht zu viel. Diese EM werde ich nutzen, um meine Spieler auf die WM in zwei Jahren vorzubereiten.“

CHATEL ST. DENIS. Stille. Ein Fin de siècle hatten Frankreichs Medien nach dem 0:2 gegen Italien und dem damit besiegelten Abschied von dieser Europameisterschaft erwartet. Das Ende einer Zeitrechnung. Das Ende von Monsieur le Selectionneur. Und plötzlich dieser Satz. Die EM, ein Test. Fünfmal fragen sie Domenech, ob er sein Amt niederlegen werde. Beim sechsten Mal lacht dieser sardonisch. Zählt die Fragesteller, zeigt mit dem Fingern auf sie und erklärt: „Ich kann mich nur wiederholen. Ich bin gewillt, weiter zu machen.“

Aufrecht hat sich Raymond Domenech vom Lager der Franzosen den Berg herunter begeben. Und aufrecht hat er Platz genommen – die Hände vor sich gefaltet, manchmal hebt sich die linke Hand. Domenech spielt in seiner Freizeit gerne Laien-Theater. Jetzt ist er Galileo Galilei, und vor ihm sitzt die heilige Inquisition des französischen Fußballs.

Sie will wissen, wieso Abwehrchef Thuram im letzten Spiel nicht einmal auf der Bank gesessen habe. Sie will erfahren, weshalb Kapitän Vieira nicht fit geworden ist. Sie fragt, ob das Team zu alt sei. Oder doch zu jung. Sie hofft, dass nun das Ende gekommen ist für die Überlebenden einer Generation, die 1998 Weltmeister geworden ist, zwei Jahre später die EM gewann, die das Gerüst des WM-Finalisten von 2006 wie auch dieser unglückseligen Elf 2008 bildete. Thuram (35), Makele (35), Sagnol (31), Vieira (31), Gallas (30), Henry (30). Und doch hofft sie, dass sich die Erde weiter um den französischen Fußball dreht. Domenech spürt den Widerspruch. Er sagt: „Dieses Team hat eine Zukunft.“

Nun ist er am Zug. Blitzschnell schlüpft er in die Rolle des Parleurs. Er lächelt, gesteht, verweigert Reue. Er will verführen, aber sich nicht gemein machen. Jetzt kann er endlich erklären, dass ein Generationswechsel keine Autoreparatur ist, sondern ein Prozess. Zwei Jahre, vielleicht vier. „Es ist nicht so, dass ich die eine einfach nur auswechseln brauche, damit die andere funktioniert.“ Beide benötige es, um Vergangenheit und Zukunft „wie ein Scharnier“ in Einklang zu bringen. Das einzige, dass er sich daher vorzuwerfen habe: „Vielleicht hätte ich es wie Aimé Jacquet machen sollen.“ Sein Vorgänger im Amt hatte die Nationalelf 1994 übernommen. Vor der EM 1996 dämpfte er die Erwartungen, das große Ziel sei die Heim-WM 1998. Frankreich schied nach der Vorrunde aus.

Damals. Frankreich hatte Zeit und Geduld, 1984 waren sie Europameister gewesen. Vier Jahre später scheiterten sie an der Qualifikation. Die Erwartungen waren gering. Domenech hat keine Zeit, er ist der Testamentsvollstrecker der erfolgreichsten Generation französischer Fußballer. Turniere als Trainingslager zu benutzen: Ausgeschlossen.

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