Euro kann von schwachen US-Konjunkturzahlen profitieren
Die Märkte blicken gebannt auf die Zentralbanken

Nach den Kursgewinnen erwarten Analysten für diese Woche eine Stagnation an den europäischen Aktienmärkten.

FRANKFURT/M. In dieser Woche richtet sich die Aufmerksamkeit der Märkte vor allem auf die Zentralbanken. Die Bank of England und die Europäische Zentralbank (EZB) entscheiden am Mittwoch und Donnerstag über ihren weiteren geldpolitischen Kurs.

Nachdem das Wachstum der Geldmenge M3 in Euroland im dritten Monat nacheinander mit mehr als 6 % deutlich über dem EZB-Referenzwert gelegen hatte, erscheint zumindest die Erhöhung der EZB-Leitzinsen wahrscheinlich. Die verbesserten Konjunkturaussichten sind ebenfalls Indizien für einen Schritt der Währungshüter. Der jüngste Kurssprung des Euro dürfte die Mitglieder des Rates dagegen erleichtert haben. In der Vergangenheit war die Schwäche der Währung immer wieder als ein Indikator für mögliche Zinsanstiege gesehen worden. Durch die Kursschwäche steigt die Gefahr einer importierten Inflation.

Dass die Ratsmitglieder durch die Klettertour des Euro von Zinserhöhungen absehen, wird nicht erwartet. Morgan Stanley Dean Witter rechnet mit einer kräftigen Anhebung des Refinanzierungssatzes um 50 Basispunkte auf 4,25 %. Im weiteren Verlauf des Sommers dürften weitere 25 Basispunkte folgen. UBS Warburg erwartet dagegen einen Anstieg von lediglich 25 Punkten am Donnerstag.

In Großbritannien ist das Ergebnis der Sitzung weit weniger klar vorhersehbar. Auf der einen Seite steht der jüngste Wertverlust des Pfundes, auf der anderen stehen die schwächeren Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal 2000. Das britische BIP war gegenüber den drei Monaten zuvor um 0,5 % gestiegen, im Vorquartal waren es noch 0,8 % gewesen. Die Analysten von Dresdner Kleinwort gehen nun davon aus, dass die britischen Leitzinsen unverändert bleiben. Diese Meinung deckt sich mit anderen Prognosen.

Neben den Zinsentscheidungen stehen weitere interessante Daten auf dem Wochenplan. Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt im Euroland des ersten Quartals dürften auf ein solides Wachstum hinweisen, so die Marktmeinung. Zudem werden die deutschen Auftragseingänge (Mittwoch) und die Industrieproduktion (Donnerstag) Aufschluss darüber geben, wie stark die Zugkraft der hiesigen Wirtschaft als Konjunkturlokomotive für Europa sein kann. Während der Marktkonsensus bei den Auftragseingängen bei einem Anstieg von 0,5 % gegenüber dem Vormonat liegt, glaubt UBS Warburg an einen leichten Rückgang. Der schwächere Einkaufsmanager-Index im Mai und der Ifo-Index im April ließen auf ein Minus von 1,2 % schließen, schreiben die Analysten. Die Industrieproduktion wird nach ihrer Ansicht auf dem Vormonatsniveau verharren.

Am Aktienmarkt scheint nach den scharfen Verlusten der Vergangenheit das Vertrauen in Technologiewerte zurückzukehren. Die deutschen Indizes konnten sich in der vergangenen Woche deutlich erholen. So kletterten sowohl der Deutsche Aktienindex (Dax), als auch der Neue Markt-Index Nemax All Share um mehr als 7 % im Wochenvergleich. Getragen wurde der Blue-Chip-Index von seinem Schwergewicht Deutsche Telekom, die sich in der vergangenen Woche um deutlich mehr als 17 % verteuerten. Auch Siemens zogen um fast 12 % an. Dennoch, schreibt die Commerzbank, befinde sich der Markt in einer Seitwärtsbewegung.

Dax-Range zwischen 6 800 und 7 500 Punkten

In den nächsten Wochen sollte der Dax in einer Spanne zwischen 6 800 und 7 500 Punkten pendeln, glauben die Analysten. Mittelfristig werden die Investoren jedoch vom positiven konjunkturellen Umfeld profitieren.

Bei Käufen empfiehlt die Commerzbank RWE, Infineon und Heidelberger Druckmaschinen. Die Strategen von Merrill Lynch halten Medien- und Technologiewerte nach wie vor für überbewertet. Sie setzen auf Papiere aus dem Bereich Banken und IT-Hardware.

Die europäischen Rentenmärkte reagierten nach den jüngsten US-Konjunkturdaten mit heftigen Kurssprüngen. Die Daten lassen auf eine sommerliche Abkühlung schließen. Eine im Mai um 0,2 Prozentpunkte gestiegene Arbeitslosenquote in den USA verursachte deshalb am Freitag nicht nur eine regelrechte Kursrally an der Technologiebörse Nasdaq. Auch die europäischen Rentenmärkte konnten stark zulegen. Erwartet worden war eine Quote von 3,9 % wie im Vormonat. Zuvor hatten schon ein schwächerer Einkaufsmanager-Index sowie die geringeren Auftragseingänge in Richtung lang erwarteter Abkühlung gewiesen.

Nach Ansicht eines Händlers könnte allerdings bei den Anleihemärkten am heutigen Tag wieder Ernüchterung eintreten. Eine Pause bei den Zinserhöhungen sei schließlich nur von der US-Notenbank zu erwarten, so die Argumentation. Die Analysten von Merrill Lynch etwa glauben, dass die Spitze der US-Zinsen maximal 25 Basispunkte entfernt liegt. Manche sprechen von einer Korrektur der Kursgewinne. Für die kommenden Monate rechnet die Commerzbank mit Kapitalmarktzinsen im Zehnjahresbereich bei etwa 5,75 %.

Das bisherige Sorgenkind Euro konnte am Freitag im späten US-Handel ebenfalls von den schwächeren US-Zahlen deutlich profitieren. So machte die europäische Gemeinschaftswährung am späten Freitagabend einen deutlichen Satz. Zeitweise stieg sie über die Marke von 0,95 $, konnte sich jedoch dort nicht halten. Am Ende lag der Euro gegenüber dem Vortag bei einem Plus von eineinhalb Cent bei 0,9464 $. Auch am Wochenende konnte sich die Währung auf diesem Niveau halten. Das mögliche Erlahmen der US-Konjunktur wird dem Euro zu einem weiteren Anstieg verhelfen, glauben Marktbeobachter.

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