Euro-Konjunkturdampfer in voller Fahrt
Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator steigt weiter

Gefüllte Auftragsbücher und steigende Produktionszahlen sorgen für gute Stimmung in Europas Industrie. Auch der Einzelhandel erwartet gute Umsätze. Die monetäre Lage hat sich entspannt.

DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator hat nach viermonatigem Verharren auf hohem Niveau im Juli weiter zugelegt>>Tabellen und Grafiken. Mit 3,6% nach 3,5% in den vorangegangenen Monaten erreichte er einen neuen Höchststand und liegt nunmehr um gut 1,5 Prozentpunkte höher als vor Jahresfrist.



Gute Industriekonjunktur ausschlaggebend für den Anstieg

Maßgeblich für den Anstieg war die gute Industriekonjunktur. Sie spiegelt sich sowohl in dem nochmals gestiegenen Industrievertrauen als auch in weiterhin stark kletternden Produktionszahlen wider. Das Konsumentenvertrauen ist zwar erstmals leicht rückläufig. Es liegt aber weiterhin auf einem historischen Spitzenniveau. Die Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank Anfang Juni dürfte die Gefahr einer Überhitzung der Konjunktur gebannt haben.

Der ohnehin schon auf hohem Niveau liegende Indikator des Industrievertrauens in Euro-Land machte nochmals einen großen Sprung um 3 Punkte nach oben. Neben Italien mit einem Anstieg um 5 Punkte trug dazu auch Deutschland wesentlich bei. Erstmals überwogen mit einem Anstieg von minus 3 auf plus 1 Saldopunkt auch hier zu Lande die positiven Einschätzungen der Unternehmen, wenngleich die Stimmung noch lange nicht so gut ist wie im Durchschnitt der elf Euro-Staaten. Zur guten Stimmung der europäischen Industrie trugen zuletzt steigende Produktionserwartungen bei zunehmend gut gefüllten Auftragsbüchern bei. Nicht zuletzt vom Export erhoffen sich viele Unternehmen eine weiterhin hohe Auslastung der Produktionskapazitäten.

Steiler Zuwachs der Industrieproduktion

Auch die tatsächlichen Produktionszahlen in der Industrie (ohne Bau) zeigen weiter steil aufwärts. Saisonbereinigt betrug die Zunahme gegenüber dem Vormonat im April 0,7 % und war damit knapp so hoch wie in den beiden Monaten zuvor. Innerhalb von nur drei Monaten stieg damit die Industrieproduktion im Euro-Raum um 2,5 %. Auf das ganze Jahr hochgerechnet ergäbe das einen theoretischen Wachstumstrend von mehr als 10 %. Allerdings wäre eine solche Erwartung unrealistisch, da die monatlichen Produktionszahlen erfahrungsgemäß stark schwanken. Auf jeden Fall hat sich die Industriekonjunktur im Euro-Raum seit Jahresbeginn ungleich dynamischer entwickelt als in den USA, wo sie saisonbereinigt zuletzt sogar gesunken ist.

Das von der Europäischen Kommission monatlich erhobene Verbrauchervertrauen gab im Juni erstmals wieder leicht nach. Der Rückgang von 1 Punkt im Vormonat auf jetzt minus 1 Punkt bedeutet aber immer noch einen sehr hohen Wert; im Schnitt der 90er Jahre war ein Saldowert von minus 14 Punkten erreicht worden. Der jüngste Rückgang muss daher für die tatsächliche Konsumneigung nicht allzu viel bedeuten, zumal er vorwiegend auf eine etwas skeptischere Einschätzung der allgemeinen ökonomischen Lage zurückgeht. Ihre persönliche Situation schätzen die Verbraucher weiter positiv ein.

Einzelhandel blickt optimistisch in die Zukunft

Dementsprechend optimistisch sieht der Einzelhandel in die Zukunft, lange Zeit eher Sorgenkind der Konjunktur. Deutschland gehört hier noch zu den Nachzüglern, wie die Umfragen der Kommission belegen. Während der Vertrauensindikator für den Einzelhandel im Schnitt der elf Euro-Staaten zuletzt mit 7 Punkten einen Höchstwert erreichte, liegt er hier zu Lande mit minus 11 Punkten noch immer im Keller. Die monetäre Situation im Euro-Raum entspannte sich deutlich. Schon vor der Leitzinserhöhung im Juni hatte sich das lange Zeit weit über dem mittelfristigen Zielpfad liegende Geldmengenwachstum deutlich abgeschwächt.

Die Jahreswachstumsrate der Geldmenge M3 sank im Mai von 6,5 auf 5,9 %. Der Zuwachs der in den Eurokonjunktur-Indikator eingehenden, enger abgegrenzten Geldmenge M2 schwächte sich mit 4,6 nach 5,5 % im gleichen Zeitraum noch stärker ab. Die mittelfristigen Risiken einer konjunkturellen Überhitzung und einer weiter steigenden Inflationsrate haben sich damit verringert.



Keine Entwarnung an der Preisfront

Die Leitzinserhöhung der EZB vom 8. Juni hatten die Märkte vorweggenommen. Sie rief im weiteren Verlauf des Monats keinen weiteren Anstieg beim Dreimonats-Zins Euribor mehr hervor. Insgesamt lag der Euribor im Juni mit 4,5 % daher nur geringfügig über dem Vormonatsstand von 4,35 %.

Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen ging sogar von 5,52 % auf 5,35 % im Juni zurück. Hier dürfte sich auch zunehmende Zuversicht in die mittelfristige Erhaltung der Geldwertstabilität im Euro-Raum widerspiegeln. Allen Unkenrufen wegen des niedrigen Wechselkurses zum Trotz verstand es die EZB bisher offenbar, mit ihrer Zinspolitik innerhalb des schmalen Bandes zwischen Gefährdung des Aufschwungs und aufkommenden Inflationserwartungen zu bleiben.



Gesunkene Inflationsrate

Dies belegt auch die im Mai wieder auf 1,9 % gesunkene Inflationsrate, die zwischenzeitlich wechselkurs- und ölpreisbedingt auf über 2 % gestiegen war. Allerdings ist es noch zu früh, um Entwarnung zu geben. Sowohl die Verbraucher als auch die Produzenten im Euro- Raum erwarten weiter steigende Preise. Auch die Geldmengenentwicklung ist - gemessen am mittelfristigen Zielpfad von 4,5 % - noch im roten Bereich. Nach dem Zinsschritt vom Juni sind aber auf absehbare Zeit keine weiteren Zinserhöhungen zu erwarten.

Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Eurostat revidierte Zahlen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für die Euro-Zone. Demnach ist das Wachstum im ersten Quartal mit 3,4 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal etwas höher ausgefallen als bisher ausgewiesen (3,2 %). Die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts in Euroland blieb insgesamt gleichwohl bei 2,7 % im ersten Vierteljahr. Nach dem jetzigen Stand des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators dürfte sie sich bis zum Herbst auf etwa 3,5 % erhöhen. Das entspricht in etwa auch den allgemeinen Erwartungen für das Gesamtjahr.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%