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Euro-Land holt zu den USA auf - ein geschicktes Zahlenspiel

DÜSSELDORF. Euro-Land holt die Vereinigten Staaten im Wachstum ein. Mit dieser Schlagzeile feiern manche Bankvolkswirte die hiesigen Wachstumszahlen für das dritte Quartal des Jahres. Auch die Politik wird sich da nicht zurückhalten können. Tatsächlich hat das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum im dritten Quartal um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal zugelegt. Das ist ein Tick mehr als die 0,6 Prozent in den USA. Hinter dieser nüchternen Zahl verbirgt sich vielerlei, aber eines nicht: ein Aufholen Euro-Lands. Die Wahrheit ist, dass sich das Wachstum im Euro-Raum saisonbereinigt schon seit Jahresbeginn langsam, aber kontinuierlich verlangsamt hat. Euro-Land hat also nicht aufgeholt, Euro-Land ist im Wachstum nur weniger stark zurückgefallen als die US-Wirtschaft. Der gemächliche Rückgang zeigt sich nun auch in der Jahreswachstumsrate, die erstmals seit Jahresbeginn 1999 zurückging. Mit 3,4 Prozent liegt sie im Übrigen deutlich unterhalb der 5,3 Prozent der USA.

Grund zur Panik sind diese Werte für die Euro-Europäer nicht, aber auch kein Grund zur übermäßigen Freude. Je mehr sich die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank durch die mittlerweile vom Binnenmotor beschleunigte Volkswirtschaft vorarbeiten, desto deutlicher wird, wie sehr die vergangene Wachstumseuphorie auf einer kräftig expansiven Geldpolitik beruhte. Das ist der im Vergleich zur US- Wirtschaft entscheidende Punkt: Der dortige lang anhaltende Aufschwung der späten 90er-Jahre beruhte zwar auch auf einer sehr großzügigen Geldpolitik. Weit mehr aber als hier zu Lande haben die Vereinigten Staaten von Flexibilität am Arbeitsmarkt und der Offenheit ihrer Wirtschaft profitiert. Sie ermöglichten eine vergleichsweise lockere Geldpolitik, ohne dass die Inflationssorgen zu schnell übermächtig wurden.

Im stärker regulierten Euro-Land aber, in dem in manchen Mitgliedstaaten die Lohnrunden 2001 wie ein Damoklesschwert über der Inflationsrate hängen, musste die Notenbank die zinspolitischen Zügel rascher anziehen. Das schlägt sich nun und in den kommenden Quartalen im Wachstum nieder. Darin zeigt sich, dass Euro- Land noch nicht reif für eine New Economy ist und dass Prognosen über ein höheres Potenzialwachstum mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Noch ist auf der sicheren Seite, wer die inflationsneutrale Wachstumsrate im Euro-Raum eher mit 2,5 Prozent als mit drei Prozent ansetzt. Wie geht es weiter? Wird Euro-Land den ohne Verdienst gewonnenen Wachstumsvorsprung gegenüber den USA ausbauen? Möglicherweise kommt den Euro-Europäern zu Hilfe, wovon auch die USA in den Jahren nach 1998 profitierten. Wenn die Weltkonjunktur und nun vor allem die US-Wirtschaft sich weiter abkühlen, wird der über die Rohstoffpreise importierte Inflationsdruck nachlassen - und damit der Druck auf die Europäische Zentralbank, die Zinsen vielleicht doch noch einmal anzuheben. Die auch im November wieder anziehenden Verbraucherpreise im Euro-Raum zeigen jedenfalls, dass dies bislang noch nicht der Fall ist. Euro-Land hat den Höhepunkt der Inflationsrate noch nicht überschritten, zumal der Ölpreisanstieg seine volle Wirkung in der Wirtschaft noch nicht gezeigt hat.

Selbst wenn aber eine schwächelnde Weltwirtschaft Euro-Land so zu Hilfe käme: Auch das wäre kein Verdienst hiesiger Wirtschaftspolitik. Am Schluss, dass gerade die Regulierung des Arbeitsmarktes dem kontinentaleuropäischen Wachstum Grenzen setzt, führt kein Weg vorbei.

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