Euro nach Zinstreffen der US-Notenbank zeitweise auf höchstem Stand seit Januar 1999
Fed bekämpft Deflation mit Abwertung

Die Warnung der US-Notenbank vor einer Deflation beflügelt den Euro. Das hilft der Fed und setzt die Europäische Zentralbank unter Handlungsdruck. Eine Zinssenkung in Europa wird wahrscheinlicher. Die EZB und Bank von England tagen am Donnerstag.

FRANKFURT/LONDON. Der Zinsvorteil der Eurozone gegenüber den USA wird den Euro mittelfristig gegenüber dem Dollar weiter nach oben treiben. Diese Einschätzung herrscht unter Volkswirten führender Banken vor, nachdem die amerikanische Notenbank (Fed) im Anschluss an ihr Zinstreffen am Dienstag die Gefahr eines unerwünschten weiteren Inflationsrückgangs in den Vordergrund gestellt hatte. Gestern konnte der Euro seine daraufhin erzielten Gewinne allerdings nicht halten und fiel wieder unter die Marke von 1,14 $.

Beobachter werteten die Erklärung der US-Notenbank einhellig als Hinweis darauf, dass sich Fed-Chef Alan Greenspan bereit hält, den Leitzins bald noch einmal zu senken. Dieser liegt mit 1,25 Prozent schon jetzt auf dem tiefsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten.

Die Europäische Zentralbank (EZB), die ihren Leitzins viel vorsichtiger als die Federal Reserve auf derzeit 2,5 Prozent gesenkt hat, wird nach Einschätzung der weitaus meisten Experten den Leitzins auf ihrem heutigen Zinstreffen nicht senken sondern erst im Juni oder Juli. Für die Federal Reserve hat der Markt nun ebenfalls für Ende Juni eine Zinssenkung eingepreist, so dass sich die Zinsdifferenz bis auf weiteres nicht verändern würde.

Bei den zehnjährigen Renditen nahm der Zinsnachteil der USA von 18 Hundertstel am Montag auf 26 Hundertstel am Mittwoch zu. Bei Zweijährigen stieg er von 87 auf 90 Hundertstel. US-Finanzminister John Snow bekräftigte zwar im Fernsehen, dass die USA weiterhin an einem starken Dollar interessiert seien. Eindruck machte das am Markt aber nicht.

"Offiziell hat das Finanzministerium die Zügel der Wechselkurspolitik in der Hand. Aber in Wirklichkeit sitzt die Federal Reserve auf dem Fahrersitz", meinte dazu Morgan-Stanley - Chefökonom Richard Berner. Die Fed nutze bereits im Stillen ihre Hauptwaffe gegen die Deflation, die Abwertung des Dollars, behauptet Berner. "Sie hat die Leitzinsen weiter gesenkt als fast alle übrigen Notenbanken der Welt - renditehungrige Investoren sehen sich daher anderswo um", erklärt der Ökonom den Zusammenhang zwischen Leitzinsen und Wechselkurs.

Die USA sind jedoch darauf angewiesen, Kapital anzuziehen, um ihr hohes Leistungsbilanzdefizit in Höhe von etwa 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu finanzieren. Ist die Nachfrage nach US-Anlagen wegen mangelnder Attraktivität hierfür nicht groß genug, muss das Leistungsbilanzdefizit sinken. Nach Schätzung des Chefökonomen von Goldman Sachs, Jim O?Neill, muss der Dollar handelsgewichtet um 35 bis 40 Prozent abwerten, um das Defizit um zwei Prozentpunkte des BIP zu senken. Weil viele Währungen an den Dollar angelehnt sind, würde dies für den Euro eine noch stärkere Aufwertung bedeuten.

Als Zielwerte für den Euro bringt O?Neill 1,60 Dollar und 1,45 Dollar ins Gespräch. Im ersten Fall würde nach seinen Berechnungen die Überbewertung des Euro der vorangegangenen Unterbewertung entsprechen. Der zweite Kurs entspricht umgerechnet dem historischen Tiefstkurs des Dollar zur D-Mark. "Unabhängig der Rhetorik des starken Dollars ist eine Abwertung für die USA tolerabel. Für die Eurozone ist die damit verbundene starke Euro-Aufwertung sehr schmerzhaft", meint der Chefökonom von Lehman Brothers, John Llewellyn. "Die kräftigen Zinssenkungen, die wir von der EZB erwarten, werden mit jedem Tag der Dollar- schwäche wahrscheinlicher", sagt er.

Die britische Währung ist dem Abwärtstrend des Dollar gefolgt und hat seit Februar handelsgewichtet um 5 Prozent abgewertet. Einige Ökonomen werten dies als kräftiges Argument gegen eine Zinssenkung der Bank von England auf deren heutiger Sitzung. Ein knappe Mehrheit der Experten erwartet dennoch eine Leitzinssenkung von 3,75 auf 3,5 Prozent.

Die britische HSBC kalkuliert allein durch die Pfund-Abwertung mit einem Anstieg der Inflationsrate um 0,4 Prozentpunkte. Schon jetzt liegt die britische Preissteigerung bei 3 Prozent und damit in der oberen Hälfte des Toleranzintervalls von 1,5 bis 3,5 Prozent. Kurzfristig würden niedrigere Zinsen wegen der verringerten Differenz in den Währungsräumen das Pfund weiter schwächen. Auch gestern sackte das Pfund gegenüber dem Euro noch einmal ab.

Für eine Zinssenkung spricht nach Ansicht von Beobachtern das gesunkene Vertrauen von Verbrauchern und Produzenten sowie das schwache britische Wachstum im ersten Quartal.

Quelle: Handelsblatt

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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