Eurokonjunktur erreicht offenbar den Gipfel
HB-Eurokonjunkturindikator geht im September zurück

Die Industrieproduktion ist erstmals leicht gesunken, das monetäre Umfeld in Euroland wird allmählich restriktiver. Fehlende Umfragedaten für Industrie- und Verbrauchervertrauen für August erschweren die konjunkturelle Diagnose. Ein rasches Ende des Aufschwungs ist aber nicht zu befürchten.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator hat sich im September erstmals seit 15 Monaten leicht abgeschwächt. Er blieb mit 3,6 % allerdings nur um 0,1 Prozentpunkte hinter dem Vormonatswert zurück und beruht zudem noch auf vorläufigen Zahlen.

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Im zweiten Quartal hatte der Wachstumstrend in Euroland (gemessen an der gleitenden Jahresrate des Bruttoinlandsprodukts) mit 3,3%  einen neuen Höchstwert erreicht. Trotz zuletzt überwiegend schwächerer Konjunkturdaten ist ein baldiges Ende des Aufschwungs nicht zu befürchten. Für das laufende Jahr lässt der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eine Wachstumsrate von gut 3,5 % erwarten; diese Dynamik könnte sich jedoch 2001 etwas abschwächen.

Erstmals seit 14 Monaten ist die Industrieproduktion der Eurozone im Juni zurückgegangen. Saisonbereinigt lag sie um 0,4 % niedriger als Mai, nachdem sie in den Monaten zuvor kräftig zugenommen hatte. Ausschlaggebend für den Rückgang im Juni war ein deutliches Minus von 3,8 % in Deutschland, aber auch in Frankreich und Italien war die Produktionstätigkeit geringer als im Mai. Dabei sind allerdings einige Sondereffekte zu beachten, vor allem die für die Produktion ungünstige Lage einiger Feiertage in der Wochenmitte. Zudem ist der deutsche Produktionsrückgang im Juli schon wieder fast wettgemacht worden. Es wäre daher voreilig, aus der Produktionsschwäche im Juni auf eine abflauende Konjunktur in Euroland zu schließen.

Kein Anlass für weitere Leitzins-Erhöhung

Die monetären Rahmenbedingungen sind nach und nach restriktiver geworden, und zwar bereits vor der jüngsten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank. So war die Geldmenge M2 im Juli nur noch um 3,7 % höher als im Vorjahresmonat, nachdem der entsprechende Abstand vor Jahresfrist noch gut doppelt so hoch gewesen war. Nicht ganz so deutlich zurückentwickelt hat sich das Wachstum der Geldmenge M3, an dem sich die Zentralbank vor allem orientiert. Es lag auch im Juli mit 5,3 % noch oberhalb des mittelfristigen Zielpfades von 4,5 %, jedoch ebenfalls mit abnehmender Tendenz.

Die erneute Anhebung der Leitzinsen Anfang des Monats dürfte die Verengung der monetären Spielräume weiter vorantreiben. Für ein nochmaliges Anziehen der geldpolitischen Zügel besteht damit auf absehbare Zeit kein Anlass, jedenfalls was die Geldmengenentwicklung betrifft. Dies gilt um so mehr, als die wieder stärker steigenden Preise den monetären Spielraum für reales Wirtschaftswachstum zusätzlich beschneiden. Wie schon im Juni, so lag auch im Juli der Anstieg der Verbraucherpreise in der Eurozone mit 2,4 % wieder oberhalb der "Schmerzgrenze" von 2 %; vor Jahresfrist waren es nur 1,1 %.

EZB mit moderater Zinserhöhung gut beraten

Trotzdem dürfte die EZB gut beraten gewesen sein, die Leitzinsen nur um vergleichsweise moderate 0,25 Punkte anzuheben. Eine noch restriktivere Geldpolitik hätte auf Grund ihres langen Bremsweges die aktuelle Inflationsrate ohnehin kaum beeinflussen können, sie wäre womöglich sogar Gefahr gelaufen, den Aufschwung abzuwürgen. Ohnehin beruht der überwiegende Teil der Inflationsbeschleunigung nicht auf binnenwirtschaftliche Faktoren, sondern auf dem Ölpreisanstieg und dem schwachen Euro.

Die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinssätzen im Euroraum dürfte sich im August weiter von 0,9 % auf (geschätzte) 0,7 % verringert haben (amtliche Angaben zum Monatsdurchschnitt lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Damit liegt der entsprechende Zinsabstand inzwischen nur noch bei einem Viertel seines Wertes zu Jahresbeginn (2,4 % im Januar). Generell ist es als dämpfendes Konjunktursignal zu werten, wenn die relative Attraktivität von kurzfristigen Geldanlagen gegenüber langfristigen Kapitalanlagen steigt.

Allerdings kommt es dabei auch auf die Ursachen an. Die derzeitige Verengung des Zinsabstandes ist hauptsächlich auf steigende Zinsen am kurzen Ende zurückzuführen, während die Kapitalmarktzinsen sogar überwiegend gesunken sind. Diese Konstellation ist konjunkturell weit günstiger zu beurteilen als ein gleichzeitiges Ansteigen beider Zinssätze, das in den 80er und 90er Jahren meist der Vorbote für eine Konjunkturabkühlung war.

Aktuelle Angaben für das Industrievertrauen und das Konsumentenvertrauen liegen derzeit nicht vor. Die Angaben für August liefert die Europäische Kommission erst im Oktober nach, da die Datenerhebungsstellen z.B. in Frankreich im August Urlaub machen. Der aktuelle Wert des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators ist daher nur vorläufig. Es ist allerdings nicht mit einer größeren Korrektur zu rechnen. Die Befragungsdaten gehen in den Indikator als geglätteter Dreimonatsdurchschnitt ein, den aktuellsten Umfragedaten kommt deshalb im Endeffekt nur ein Gewicht von knapp 17 % zu.

Der in der vergangenen Woche veröffentlichte Anstieg des realen BIP in der Eurozone im zweiten Quartal um 3,8 % gegenüber dem Vorjahresquartal ergibt umgerechnet auf die gleitende Jahresrate, die dem Handelsblatt-Indikator als Referenzgröße dient, ein Wachstum von 3,3 %. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator hatte dies vor einem halben Jahr vorausgesagt und war dabei mit 3,5 % nur geringfügig zu optimistisch gewesen. Für den weiteren Jahresverlauf sagt der Indikator eine nochmalige, leichte Beschleunigung der gleitenden Jahreswachstumsrate auf 3,5 % im dritten bzw. auf 3,6 % im vierten Quartal voraus, wobei letztere gleichzeitig dem erwarteten Wachstum im Gesamtjahr entspricht.

Der im wesentlichen seitwärts gerichtete Verlauf des Indikators in den letzten Monaten deutet auf einen zunächst weiterhin robusten Wachstumspfad auf hohem Niveau hin. Die jüngste Entwicklung signalisiert allerdings eine mögliche Abschwächung zu Beginn 2001.

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