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Eurokonjunktur-Indikator: In Euro-Land beginnt der Abstieg vom Konjunkturgipfel

Die monetären Bremsen zeigen im Euro-Raum allmählich ihre Wirkung. Bei einer immer noch hoher Preissteigerungsrate beginnen Industrieproduktion und privater Konsum zu schwächeln. Die Gefahr einer klassischen Stabilisierungskrise im kommenden Jahr ist aber gering.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator ist im Dezember von 3,3 % auf 3,1 % gesunken. Damit hat der Abwärtstrend, der im September begann, sich zuletzt beschleunigt fortgesetzt. In den vergangenen vier Monaten hat der Indikator 0,6 Prozentpunkte verloren; er liegt nun praktisch wieder auf dem Niveau von vor einem Jahr. Während der Eurokonjunktur-Indikator für das Gesamtjahr 2000 noch ein Wirtschaftswachstum von etwa 3,6 % erwarten lässt, ist zu Beginn des kommenden Jahres mit einer deutlichen Eintrübung der Konjunktur zu rechnen.

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Mit Ausnahme des stagnierenden Konsumklimas haben sich zuletzt alle Einzelindikatoren weiter verschlechtert.

Das von der Europäischen Kommission monatlich erfragte Industrievertrauen schwächte sich im November weiter auf 5 Punkte ab; der Oktoberwert wurde von 7 auf 6 Punkte herunterkorrigiert. Damit ist jetzt klar, dass der Höhepunkt der Stimmung bereits im Juni (mit 8 Punkten) erreicht worden war. Seitdem hat sich der Optimismus der Unternehmen stetig, aber langsam gedämpft. Zuletzt haben sich sowohl die Produktionserwartungen als auch die Auftragseingänge leicht eingetrübt, vor allem diejenigen aus dem Exportgeschäft. Hier dürfte die abflachende Weltkonjunktur ebenso eine Rolle gespielt haben wie der zuletzt wieder stabilere Euro-Kurs. Im längerfristigen Vergleich befindet sich das Industrievertrauen allerdings noch immer auf einem sehr hohen Niveau; der langfristige Durchschnitt liegt bei - 9 Punkten.

Verbraucher mit anhaltend großem Optimismus

Das Konsumentenvertrauen blieb im November zum dritten Mal in Folge unverändert und liegt bei - 3 Punkten. Das ist zwar deutlich schlechter als der noch im August erreichte Rekordwert von 1 Punkt. Verglichen mit dem langfristigen Durchschnittswert von - 14 Punkten ist die Verbraucherstimmung aber nicht schlecht. Unter dem Eindruck niedrigerer Ölpreise und der zu Jahresbeginn wirksam werdenden steuerlichen Entlastungen in Deutschland und Frankreich könnte der Optimismus der Konsumenten auch schnell wieder zulegen. Die Mehrzahl der Verbraucher in Euro-Land erwartet jedenfalls eine Verbesserung der persönlichen finanziellen Situation in den kommenden zwölf Monaten.

Die Hoffnung auf ein rasches Anziehen der Verbrauchskonjunktur hat im November indes einen Rückschlag erlitten, als die Einzelhandelsumsätze den Umfragen zufolge weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Die Beurteilung der aktuellen Geschäftssituation verschlechterte sich schlagartig von 7 auf - 5 Punkte. Dieser Einbruch ist jedoch nicht zu dramatisieren; in diesem Bereich sind starke monatliche Schwankungen üblich. Der insgesamt ruhiger verlaufende Index der Zukunftserwartungen im europäischen Einzelhandel hat sich in den vergangenen fünf Monaten stetig verbessert; auch im November ist er weiter gestiegen.

Die Industrieproduktion in Euro- Land ist im September - nach unten revidiert - um 0,6 % gegenüber Vormonat gestiegen, nach einem Plus von 0,4 % im Vormonat. Beide Werte weisen darauf hin, dass die zeitweise negative Entwicklung zur Jahresmitte wohl nur ein Ausrutscher gewesen war. Allerdings hat es im Oktober, der noch nicht in den aktuellen Stand des Eurokonjunktur-Indikators einfließt, nach den am vergangenen Freitag veröffentlichten vorläufigen Zahlen erneut einen leichten Rückgang der Industrieproduktion um 0,1 % gegeben.

Die straffer angezogenen monetären Zügel lassen offenbar allmählich Wirkung erkennen. Die Zuwachsrate der Geldmenge M2, die vor Jahresfrist noch deutlich über 6 % gelegen hatte, ist im Zuge der wiederholten Zinserhöhungen der EZB immer geringer geworden. Im Oktober lag sie mit 3,8 % erstmals seit Juli wieder unter der 4-Prozent- Marke. Saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat hat M2 zuletzt nur noch minimal um 0,1 % zugelegt.

Gleichzeitig verharrt die Inflationsrate im Euroraum nach wie vor deutlich über der mittelfristigen Toleranzgrenze von 2 %; im Oktober verringerte sie sich nur wenig von 2,8 % auf 2,7 %. Im November stieg sie sogar auf 2,9 %. Dieser Wert geht noch nicht in den aktuellen Eurokonjunktur-Indikator ein.

Diese Konstellation steigender Preise bei rückläufigem Geldmengenwachstum ist durchaus typisch für die Spätphase eines Aufschwunges. Auch die sinkende Zinsdifferenz passt zu diesem Bild. Im November hat sich die Zinsdifferenz erneut verringert, diesmal von 0,4 auf 0,3 Prozentpunkte. Dabei stand einem weiter von 5,04 % auf 5,09 % steigenden Dreimonatszins Euribor ein von 5,42 % auf 5,34 % sinkender Kapitalmarktzins gegenüber.

Das saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum hat im dritten Quartal um 0,7 % und damit etwas schwächer zugenommen als im bisherigen Jahresverlauf. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das aber immer noch das Verbleiben auf einem recht hohen und stabilen Wachstumspfad.

Indikator bestätigt seine Prognosequalität

Dies wird auch in der gleitenden Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts deutlich, in der die Wachstumsrate der jeweils vergangenen vier Quartale zusammengefasst ist. Sie hat sich nochmals von 3,3 % im zweiten Quartal auf 3,5 % erhöht.

Diese Rate bestätigt punktgenau die entsprechende Vorhersage des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators von vor einem halben Jahr (Grafik links). Der im vergangenen Jahr eingeführte Indikator hat sich damit bislang als ähnlich zuverlässig erwiesen wie der Handelsblatt- Frühindikator für Westdeutschland. Dieser hatte die vergangenen drei Quartale ebenfalls bis auf die erste Kommastelle genau prognostiziert hatte.

Der Eurokonjunktur-Indikator lässt für das vierte Quartal und damit für das Gesamtjahr 2000 nochmals eine geringfügige Steigerung der Wachstumsrate auf 3,6 % erwarten. Dies passt zu der Beobachtung, dass die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe im vierten Quartal den Umfragen folgend nochmals und kräftig von 83,9 % auf 84,7 % gestiegen ist.

Im ersten Vierteljahr 2001 wird dagegen mit einem prognostizierten Rückgang der gleitenden Jahresrate auf 3,3 % der Abstieg vom Konjunkturgipfel beginnen. Vorausgesetzt, die Europäische Zentralbank zieht die Zinsschraube nicht nochmals an, dürfte die Gefahr eines starken Abschwunges indes gering sein. Eher ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Konjunkturdelle zu erwarten. Deren Tiefe wird nicht zuletzt von der Konjunkturentwicklung in den USA abhängen.

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