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Europa-Apathie als nackte Tatsache

Wie die neuen EU-Mitglieder ihre Europawahl-Premiere begehen: das Beispiel Tschechien

PRAG. Eine warme Gratis-Mahlzeit ist im Plattenbau-Moloch Südstadt am Rande Prags immer willkommen. Auf dem Waschbeton-Platz vor der Metro-Endstation Haje hat die größte tschechische Oppositionspartei zwischen einer Spielhalle, einer Meinl-Lebensmittelfiliale und dem China-Restaurant "Sonne" eine Gulaschkanone aufgefahren. Schnell bildet sich eine lange Schlange. "Ich werde Sie nicht aufhalten", entschuldigt sich Spitzenkandidat Jan Zahradil bei den Frauen mit den müden Augen, die am späten Nachmittag auf dem Heimweg von der Arbeit noch schnell ihre Besorgungen machen.

Man möge doch die Spiele auf der Webseite seiner Partei zur Europawahl ausprobieren, empfiehlt der Nationalliberale Zahradil. Seine Bürgerlich-Demokratische Partei ODS setzt in ihrer Kampagne auf Gulasch und das Internet.

Eine kurze Ansprache nur, getränkt von mildem Populismus: "Unser EU-Beitritt zum 1. Mai war mit diskriminierenden Bedingungen verbunden. Im Parlament werde ich dazu beitragen, dass die Übergangsfrist bei der freien Arbeitsplatzwahl im Ausland möglichst bald verschwindet", verspricht der 41-Jährige. Dass sich Prag aus Angst vor einem Ausverkauf an kapitalstarke Westler im Gegenzug eine Schonzeit beim freien Immobilienerwerb erbeten hat, verschweigt er.

"Die ODS war doch gegen unseren EU-Beitritt", fasst eine junge Frau im Plastikblouson die skeptische Haltung der Nationalliberalen gegenüber Brüssel überspitzt zusammen. "Das Gulasch war gut, aber überzeugt hat er mich nicht", antwortet ein Rentner, der seine Baseball-Kappe mit der Aufschrift "Deutsches Vermögensberatungsteam" sichtlich nicht bei einem Termin zur bestmöglichen Aktienanlage erhalten haben kann.

"Der EU-Beitritt wird erst für unsere Kinder Früchte tragen", illustriert eine blondierte Mittvierzigerin die abwartende Zustimmung vieler Tschechen zur Mitgliedschaft in der Union. Knapp anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedereinführung eines pluralistischen Parteiensystems und wenige Wochen nach dem EU-Beitritt hält sich die Begier nach Mitbestimmung im europäischen Parlament in Grenzen. Nur zwischen 42 und 47 Prozent der Wahlberechtigten wollen am 11. oder 12. Juni zur Urne gehen, wenn über die Entsendung der 24 Europaparlamentarier der zehn Millionen Tschechen entschieden wird.

Ganz ähnlich sieht nach Umfragen das Interesse in den anderen neun neuen EU-Mitgliedsländern aus. Meist überlagern innenpolitische Themen die Premiere zur EU-Parlamentswahl.

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