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Europa auf der Überholspur

Die USA im E-Business vom Thron stoßen? Eine realistische Vision, sagt Compaq-Deutschland-Chef Droste.

MÜNCHEN. Es scheint, dass Amerika wieder einmal seinem Ruf gerecht wird, in Extremen zu denken. Vor kurzem noch als Ikone der New Economy angepriesen, in riesigen Werbekampagnen als Marke etabliert, als Zeichen der Modernität vor jeden denkbaren Begriff gesetzt, ist das "E" dabei, vom Thron gestoßen zu werden. Aus E-Services wird wieder Services, aus E-Business wieder Business. Das "E" ist out. Aber auch in Deutschland leckt die Branche ihre Wunden. Denn seit der Pleite des britischen Online-Modehauses Boo.com sind auch hier Zweifel am unbegrenzten Höhenflug des Online-Marktes aufgekommen.

Aber Gemach. Wieder einmal wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn auch in diesen Zeiten des Umbruchs hat sich zum Beispiel die Zahl der Aussteller auf der Fachmesse Internet World verdoppelt. Die vor kurzem noch beklagte europäische (deutsche) Langsamkeit und scheinbare Zurückhaltung bei der Adaption des Internets als Träger für unternehmensübergreifende Prozessketten verdeckt nur, dass hier zu Lande mehr Nüchternheit und Augenmaß bei der Einschätzung der neuen Techniken herrscht.

Denn die Vorteile eines weltweit vorhandenen, standardisierten, multimedialen Dialogsystems wie dem Internet verschwinden ja nicht mit der Insolvenz einiger Unternehmen. Die Nüchternheit, die uns zu Beginn des Internet-Hypes nachgesagt wurde, bleibt uns nun in dieser Zwischenphase hoffentlich weiterhin erhalten.

Trotz des aktuellen Pessimismus gibt es aus meiner Sicht eine Reihe von guten Gründen, die mich in meiner Überzeugung bestätigen, dass Europa mittelfristig eine reale Chance hat, die USA im E-Business zu überholen.

So soll Europa bis 2010 die dynamischste Weltregion werden. Das ist der politische Wille der Staats- und Regierungschefs in Europa. Der durch die Währungsunion ausgelöste Zwang zur Konsolidierung der Haushalte, zum Abbau der Staatsquote, zur Reduzierung der Steuerlast fördert die unternehmerische Initiative und auch den Konsum. Besonders die Vereinheitlichung der Währung spielt dabei eine wichtige Rolle. Das wird auch den Web-Handel beflügeln, denn damit fällt eine weitere Barriere, Preisvergleiche werden noch einfacher.

Auch die jahrelange Erfahrung besonders deutscher Unternehmen beim Einsatz von Produktionsplanungs- und Steuerungssystemen bis hin zu den unternehmensweiten Systemen à la SAP R/3 stimmen mich zuversichtlich. Das sieht man auch an den Zahlen: Circa 60 % aller R/3-Installationen wurden in Europa verkauft, davon 40 % nach Deutschland. Diese Firmen haben die Vorteile integrierter Prozessketten erkannt. Die Ausweitung auf Zulieferer, Partner und Kunden ist damit nur noch ein kleiner Schritt. Mit der funktionalen Erweiterung solcher Kernanwendungen durch Marktplätze und Einkaufsseiten wird diese Zusammenführung besonders einfach.

Ein weiteres Argument für die schnelle Einführung von E-Business in Europa sehe ich in der Internationalität unserer Industrie - und das nicht nur bei den Großunternehmen, sondern auch und besonders im Mittelstand. Sei es ein Hersteller von Dichtungen in Wolfratshausen oder ein Lieferant von hochwertigen Messgeräten in Darmstadt: Für sie sind Niederlassungen in aller Welt selbstverständlich. Weltweit verfügbare, mehrsprachige Produktkataloge und sichere Kommunikation über das Internet mit Hilfe der unternehmenseigenen Netze sind heute dort alltägliche Hilfsmittel.

Genau diese Ausrichtung auf internationale Märkte prädestiniert die europäische Industrie zum Einsatz des überall verfügbaren Internets, um Informationen und Dienstleistungen zu präsentieren und zu transportieren, damit der Informationsfluss vom Warenfluss entkoppelt wird.

Natürlich gibt es immer eine Vielzahl von Gründen, eine weitere Verbesserung der Kommunikationsinfrastruktur hier zu Lande anzumahnen. Tatsache aber ist, dass wir hier in Europa, speziell in Deutschland, eines der leistungsfähigsten und zuverlässigsten Netze der Welt haben. Besonders wenn es darum geht, dem Einzelnen Zugang zum WWW zu verschaffen. Ein Einwahlversuch über einen ISDN-Anschluss im Vergleich zu einem herkömmlichen Modem sollte überzeugen. Auch Breitbandanschlüsse auf Basis der DSL-Technik werden massiv vorangetrieben. Neue Angebote wie Internet-Zugang über das Stromnetz stehen in den Startlöchern.

Vor allem aber werden die kommenden mobilen Datennetze eine neue Qualität ins Spiel bringen. Mit dieser Technologie wird das heute etwas scheel betrachtete Thema B2C, das Web-Geschäft mit dem Verbraucher, wieder an Bedeutung gewinnen.

Laut den Marktforschern von IDC wird dieser Bereich bis 2005 weltweit von 118 Mrd. $ auf 707 Mrd. $ wachsen. IDC erwartet, dass 60 % der Nutzer dabei mobile Zugangsgeräte verwenden werden. Die Bezahlung der Taxirechnung per Handy, heute als Anwendung für die Avantgarde gesehen, wird dann so selbstverständlich sein wie der Kauf eines S-Bahn-Tickets. Aber auch Firmen werden ihren Mitarbeitern den mobilen Zugriff auf Unternehmensdaten und-anwendungen ermöglichen.

Ich bin optimistisch. Wir haben in Europa den Willen, die Fähigkeiten und die Mittel, mit der Einführung von E-Business auf breiter Basis unsere Standortvorteile auszubauen und damit Amerika nicht nur im E-Business, sondern als Wirtschaftsregion den Rang abzulaufen.

Der Autor ist Deutschland-Chef des Computerproduzenten Compaq in München.

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