Europa
Ewig das gleiche Lied

Zweieinhalb Millionen Türken leben in Deutschland. Doch der EU-Beitritt ist nicht für jeden von ihnen ein Thema. Denn wer bereits einen deutschen Pass besitzt, ist ohnehin schon EU-Bürger.

Für 90 Minuten sind die etwa 150 Männer ganz bei sich. Sie sitzen dicht an dicht vor zwei großen Leinwänden. Sie rauchen viel und trinken Tee, Bier, Cola oder Buttermilch. Und sie kommentieren jede Bewegung auf dem Rasen. An diesem Sonntagabend ist Derbyzeit, Galatasaray spielt gegen Besiktas, Istanbul gegen Istanbul. Zwei Halbzeiten lang wird die Kreuzberger Vereinskneipe des BFC Türkiyemspor 1978 noch mehr Türkei, als sie ohnehin schon ist. Zwei Halbzeiten lang ist alles andere auf dieser Welt unwichtig: die Wahlheimat Deutschland, die Farbe des Passes oder die angestrebte EU-Mitgliedschaft der Türkei. Seit der 77. Minute liegt Galatasaray zurück. Nur das ist wirklich schlimm. Auch Mosa Turanli, der Vizepräsident von Türkiyemspor, mag erst nach dem Schlusspfiff wieder über anderes nachdenken. "Die meisten hier glauben ohnehin nicht, dass man uns in die EU lassen wird", sagt der 43-Jährige zur aktuellen Türkei-Debatte. "Und die Jungen haben doch sowieso schon einen deutschen Pass, die sind ja bereits in der EU." Turanli meint die dritte Generation der Türken in Deutschland, jene, die oft besser berlinern als sie Türkisch sprechen. Jene, die zwar gerne im Land ihrer Väter und Großväter Urlaub machen, die aber noch viel lieber wieder zurückkehren. Denn die dritte Generation der türkischen Einwanderer ist längst angekommen in Europa. Ob die Türkei nun Mitglied der EU wird oder nicht. Doch in der Heimat rollt die Propagandamaschine in Richtung EU. Bis zu zwei Millionen Postkarten aus der Türkei sollen in den letzten Tagen im Bundeskanzleramt eingegangen sein. "Für ein vollständigeres Europa" steht auf den Karten, gedruckt zwischen bunten Bildchen von der Hängebrücke über den Bosporus und der Hagia-Sophia-Kirche. Das türkische Massenblatt Hürriyet wollte mit dieser Aktion den Druck auf Gerhard Schröder und die EU erhöhen, der Türkei endlich eine konkrete Beitrittsperspektive anzubieten. Begleitet von selbstbewussten Kommentaren ("Lasst uns nicht alles akzeptieren, was die EU von uns fordert"), macht die national ausgerichtete Zeitung Stimmung. Deren Berlin-Korrespondent Ahmet Külahci wiegelt indes ab. Zu oft hat der Deutschland-Veteran, der seit 1972 hier lebt, die immer gleichen Diskussionen erlebt, um sich noch darüber aufzuregen. Dies gilt auch für Auftritte wie den der CDU-Chefin Angela Merkel, die vergangene Woche im Bundestag einen türkischen EU-Beitritt ablehnte. "Solche Äußerungen kennen wir", sagt Külahci. "Von der Union war als Einziger bisher nur Franz Josef Strauß für die Türkei." Die Wahlstatistik belegt die Konsequenzen dieser Haltung: Von den rund 380 000 türkischstämmigen Wählern gaben am 22. September 60 Prozent der SPD ihre Stimme und 17 Prozent den Grünen. Nur zwölf Prozent stimmten für die Union, jeweils fünf Prozent für PDS und FDP. "Wir haben Schröder in den Sattel geholfen", sagt Bahattin Kaya, Vorsitzender der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung in Berlin, "und jetzt erwarten wir vom Bundeskanzler, dass er seine Versprechungen einhält." Für den Reiseveranstalter böte eine EU-Mitgliedschaft der Türkei handfeste Vorteile. Schon seit langem will er in den Niederlanden eine Zweigstelle errichten. Doch sein türkischer Pass hat dies bislang verhindert. Zudem sieht Kaya die psychologischen Vorteile einer Mitgliedschaft: "Viele Türken haben sich hier in Deutschland nicht integriert, weil sie nie wussten, wie lange sie bleiben", sagt Kaya. Dies trifft vor allem auf die erste und zweite Generation zu, die noch unter dem Anwerbungsvertrag von 1961 nach Deutschland geholt wurden. Für die 21-jährige Manolya Sari ist das türkische Berlin deshalb in vielerlei Hinsicht konservativer als die Heimat ihrer Eltern. "Ich sehe dort viel weniger Frauen mit Kopftüchern als hier", erzählt die Tochter eines der erfolgreichsten Elektronikhändler Berlins von ihren Reisen. "In Berlin bilden die älteren Türken oft eine Mauer", sagt sie. Fast so wie vor 40 Jahren. Mit etwas Abstand zum Istanbuler Fußballkrimi wird schließlich auch Mosa Turanli philosophisch: "Die Menschen erkennen an meinem Gesicht, ob ich ein Ausländer bin", sagt der Sportfunktionär. "Daran ändert auch ein EU-Pass nichts." Galatasaray hat im Übrigen verloren. Jetzt führt der Rivale Besiktas die Tabelle an. Und das ist wirklich schlimm.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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