Europa hat die höchste Wechselrate
Topmanager werden schneller und häufiger gefeuert

Die Fluktuation an den Konzernspitzen dieser Welt nimmt zu. Am gefährlichsten leben die Chefs in Europa. Wie eine Studie von Booz Allen Hamilton unter den 2500 größten Unternehmen der Welt zeigt, werden hier Vorstände am schnellsten ausgewechselt. Woran das liegt - und wie CEOs sich länger im Sattel halten können.
  • 0

DÜSSELDORF. Weltweit werden Vorstände stärker nach Leistung bewertet. Wer die nicht zeigt, fliegt raus. Nur in Deutschland noch nicht. Ferdinand Piëch gibt in diesem Jahr seinen Vorstandsvorsitz bei Volkswagen ab, Jürgen Dormann den seinen bei Aventis. Schon seit dem vergangenen Jahr ist Jack Welch nicht mehr Chef von General Electric und Luqman Arnold nicht mehr der von UBS. Auch Yoshikazu Hanawa von Nissan und Yoichiro Kaizaki von Bridgestone sind unter den 231 Vorstandsvorsitzenden der größten Unternehmen der Welt, die 2001 den Platz an der Spitze aufgegeben haben.

Topmanager sind die Kaiser der modernen Welt. Sie entscheiden über das Wohl von zehntausenden Mitarbeitern und den Verbleib von Milliarden Dollar Anlegervermögen. Schon deshalb provozierte ihr Ausstieg viele kritische Zeitungsartikel, lobende Pressemitteilungen und jubelnde Autobiografien. Doch abgesehen von diesen Abgesängen auf den einzelnen Chef gab es bisher keine Untersuchung zu der Frage, wie sich die massiven Veränderungen der globalen Wirtschaft auf die Karrieren ihrer Protagonisten auswirkt. Welche Bedeutung haben das wachsende Selbstbewusstsein einer Shareholdervalue-Gesellschaft und strenger werdende Kontrollmechanismen für die Arbeitsbedingungen auf den Beletagen der Unternehmen?

Die Strategieberatung Booz Allen Hamilton hat diese Frage untersucht. Fazit der Berater: Den griechischen Helden Achill ließen die Götter noch wählen zwischen einem kurzen glorreichen Leben und einem langen ereignislosen. Topmanager leben heute in einer härteren Welt: Entweder ist ihre Arbeit glorios, oder ihr professionelles Leben wird sehr kurz. Die wesentlichen Ergebnisse der Studie: n 2001 wurden 9,2 Prozent der Topmanager ausgetauscht. Seit 1995 wuchs damit die Fluktuation unter den Spitzenmanagern um 53 Prozent.

Die durchschnittliche Verweildauer eines Vorstandschefs sank in den vergangenen sechs Jahren von 9,5 auf 7,3 Jahre. Wer wegen mangelnden Erfolgs gebeten wird, seinen Schreibtisch zu räumen, verlässt heute sogar schon nach 4,6 Jahren das Unternehmen. Parallel dazu sank das Durchschnittsalter beim Abgang von 62 auf 57 Jahre.

Die Zahl der CEOs, die seit 1995 ihre Unternehmen planmäßig und aus Altersgründen verließen - oder um anderswo einen besseren Job anzunehmen - blieb dabei über die Jahre fast konstant. Die Zahl der Chefs jedoch, die wegen schlechter Zahlen ihr Büro verließen, wuchs um 130 Prozent. - 1995 wurden noch 72 Prozent der Chefs, die ihre Position aufgeben mussten, entweder regulär pensioniert oder sie sind gestorben. 2001 sank diese Quote auf 47 Prozent. Eindeutiges Fazit: Die Toppjobs sind härter geworden.

Heute werden Vorstände viel schneller gefeuert, weil das Unternehmen nicht erfolgreich genug ist oder weil zwei Firmen fusionieren. Für Vorstandsvorsitzende weltweit ist die Trennung "im beiderseitigen Einvernehmen" mittlerweile sehr viel wahrscheinlicher geworden als ein normaler Abschied. Thomas Künstner, Partner bei Booz Allen Hamilton: "CEOs sind heute vergleichbar mit Athleten - junge Leute mit kurzen, sehr gut bezahlten Karrieren, die nur so lange weitermachen können, wie sie auf außergewöhnlich hohem Niveau funktionieren".

2500 Unternehmen untersucht

Für diese Ergebnisse untersuchten die Booz-Allen-Berater das Toppersonal der 2500 Unternehmen, die zum Stichtag Anfang Januar 2001 die größte Marktkapitalisierung weltweit aufwiesen. In dieser Gruppe wurden alle CEOs identifiziert, die 2001 ihr Unternehmen verließen. Analysiert wurde ihre Verweildauer im Amt, ihre persönlichen Daten - wie Alter bei Amtsantritt und-ende - und die finanzielle Entwicklung ihrer Unternehmen nach Umsatzwachstum und Börsenwert. Um den so gewonnen Einblick in einen Kontext zu stellen, untersuchten die Berater nach dem gleichen Schema die Abgänger der jeweils größten Unternehmen in 1995, 1998, 2000 und 2001. Dabei kam heraus: Sieht man von Kündigungen wegen Fusionen einmal ab, ist das entscheidende Kriterium für Sieg oder Niederlage eines Unternehmenslenkers - wenig überraschend - der Börsenwert. Die Kurse der Unternehmen erfolgreicher - also in Ehren pensionierter CEOs - liegen durchschnittlich um ein Viertel höher als die Kurse derjenigen, die wegen mieser Performance gefeuert werden.

Gemessen haben das die Berater von Booz Allen Hamilton mit folgender Methode: Zunächst wurde der Total Shareholder Return (Börsenkurs plus Dividenden) zu Beginn und am Ende der Amtszeit eines Vorstandsvorsitzenden verglichen und die Veränderung der Kurse in dieser Zeit dann um die Entwicklung des Gesamtmarktes bereinigt. Herauskommt, wie viel besser oder schlechter als die Gesamtmarktentwicklung der jeweilige Konzern mit dem jeweiligen Chef gefahren ist. Ergebnis: In jedem betrachteten Jahr schlugen die erfolgreichen Chefs den Markt um durchschnittlich 1,3 Prozent, während die Gefeuerten um 8,3 Prozent hinter ihm zurückblieben. Fast alle Chefs, die unfreiwillig aufgaben, mussten im letzten Jahr vor ihrer Vertragsauflösung eine unterdurchschnittliche Kursentwicklung verantworten. Selbst wer zu Beginn seiner Amtszeit auf einen wachsenden Börsenwert verweisen kann, kann später durchaus noch aus der Kurve fliegen, wenn die Kurse nachgeben.

Langfristigkeit ist entscheidend

"Marathonläufer sind erfolgreicher als Sprinter", sagt Booz-Allen-Partner Künstner, "heute sind Langfristigkeit und Solidität entscheidend für den Erfolg." Schlechte Nachrichten - beispielsweise für den Chef von Vivendi Universal, Jean-Marie Messier, oder Telekom-Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer, deren Ablösung immer unverblümter gefordert wird, je mehr die Aktien ihrer Unternehmen an Wert verlieren.

Wilhelm Friedrich Boyens, deutscher Chef der Personalberatung Egon Zehnder International, wundert sich nicht über die Ergebnisse von Booz Allen. Seiner Beobachtung nach haben viele Vorstände Probleme, sich an die Macht der Kapitalmärkte und an den Einfluss von Analysten und Investmentbankern zu gewöhnen. "Plötzlich müssen auch gestandene Leute sich rechtfertigen und das widerspricht oft der Mentalität eines Chefs. Manche schaffen es nicht, sich anzupassen und dann kommt es natürlich zu Friktionen." Zumal das Ansehen eines Konzerns zur Hälfte vom Image seines CEOs bestimmt wird, wie die PR-Beratung Burson-Marsteller beobachtet, die das Image amerikanischer Vorstände im Zeitverlauf analysierte.

Ein Chef hat heute allerdings kaum noch Zeit, eine Reputation aufzubauen: CEOs kriegen von den Eigentümern und Aufsichtsräten durchschnittlich noch acht Monate Zeit, eine Strategie zu entwickeln, 19 Monate, um den Kurs in die Höhe zu treiben und 21 Monate, um ein Unternehmen zu sanieren, so die PR-Fachleute. Dass sich der Druck enorm erhöht und die Reaktionszeit dramatisch verkürzt, beobachten auch die Booz-Berater in der täglichen Arbeit mit ihren Klienten. "Erstaunlich ist nur, dass sich das in unserer Studie so schnell statistisch niederschlägt", sagt Booz-Partner Thomas Künstner.

Früher setzte sich das Image eines Vorstandsvorsitzenden zusammen aus der Marke, für die er stand, seinen Erfolgen in der Vergangenheit und der Aufmerksamkeit, die er in der Presse genoss oder erlitt. Heute dagegen ist Glaubwürdigkeit sein höchstes Gut, meinen die PR-Berater von Burson-Marsteller. Die Praxis zeigt: Kein Unternehmen leistet sich heute lange einen Chef mit angeschlagener Reputation. Das musste Dennis Kozlowski erfahren. Der Chef von Tyco International machte in den zehn Jahren seiner Amtszeit aus einem Gemischtwarenladen einen Weltkonzern. Zumindest bei der US-Presse galt er als einer der besten Unternehmer des Landes. Dann geriet der Tyco-Kurs unter Druck: Im Zuge der Enron-Pleite wurde immer wieder spekuliert, Tyco habe ähnlich waghalsig bilanziert wie der Energiehändler. Als Kozlowski sich dann vor dem Staatsanwalt wegen Hinterziehung der Umsatzsteuer für seine privaten Kunstkäufe rechtfertigen musste, war das Maß voll - der Aufsichtsrat bestand auf einem Auflösungsvertrag.

Europa hat die höchste Wechselrate

Inzwischen herrschen auch in Europa amerikanische Verhältnisse. Bisher galten die Chefsessel der Alten Welt als eher gemütlich: Vorstände schienen hier immer besonders geschützt - vor allem durch die meist engen Beziehungen zum Aufsichtsrat. Tatsächlich ändert sich das Bild jedoch: Seit 1995 stieg die Zahl der ausgetauschten CEOs in Europa um 140 Prozent; in den USA nur um 31 Prozent. Auch die Zahl der wegen Leistungsschwächen gefeuerten Topmanager wächst in Europa schneller als in den USA. Mittlerweile sind 53 Prozent aller Vorstandsabgänge faktisch Rauswürfe. Europa hat damit die höchste Wechselrate unter den Vorstandsvorsitzenden und die kürzeste Verweildauer im Amt weltweit. Allein in England traf es in der jüngeren Vergangenheit nicht nur Sir Peter Bonfield von der Britisch Telecom, sondern auch die Chef von Britsh Airways, Marconi und BAE Systems. Ebenso den Kopf der Beteiligungsgesellschaft Schroders und die Chefin der Billigfluglinie Go.

Auch in Deutschland wird der Wind allmählich rauer: Erfolgreiche Topmanager halten sich im Schnitt 14,7 Jahre lang in deutschen Chefsesseln, Vorstandsvorsitzende mit Leistungsschwächen müssen jedoch schon nach durchschnittlich 5,3 Jahren gehen. Getroffen hat es beispielsweise Arwed Fischer, den glücklosen Chef der Spar AG, oder die Bosse von Opel, die in den vergangenen Jahren häufiger wechselten, als dem Unternehmen gut tat. Dennoch bleiben Rauswürfe hier bislang die Ausnahme. "Opel sollte kein Vorbild für uns sein", meint Zehnder-Chef Boyens, der die deutsche Gelassenheit "eher gut" findet. "Wenn die Entscheidungen der Aufsichtsräte nur noch vom Kurs getrieben sind, hilft das einem Unternehmen substanziell auch nicht weiter." Stattdessen sollten die Gremien ihren Vorständen klare Ziele setzen und ihnen dann "auch die nötige Zeit geben und sie in Ruhe arbeiten lassen". Die Booz-Berater sehen jedoch auch das Positive an den Börsen, die immer mehr Manager immer früher in der Arbeitslosigkeit stranden lassen: So entsteht ein Pool von relativ junger und erfahrener Manager, aus denen sich die Unternehmen bedienen können, die einen neuen Chef suchen. Leute wie Bernd Pischetsrieder beispielsweise, der wegen des Rover-Debakels seinen Stuhl bei BMW räumen musste - und nun als Piëch-Nachfolger bei VW wiederaufersteht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%