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Europa im Schneckentempo: Mit dem Zug von Berlin nach Stettin

Berlin (dpa) - Wenn Axel Wallis seinen Dieselzug durch die sanft geschwungene Hügellandschaft der östlichen Uckermark führt, hat er sehr persönliche Grenzgefühle. Auch nach der EU-Erweiterung beginnt Polen für ihn dort, wo Gras und Butterblumen im Gleisbett sprießen.

Berlin (dpa) - Wenn Axel Wallis seinen Dieselzug durch die sanft geschwungene Hügellandschaft der östlichen Uckermark führt, hat er sehr persönliche Grenzgefühle. Auch nach der EU-Erweiterung beginnt Polen für ihn dort, wo Gras und Butterblumen im Gleisbett sprießen.

Polen ist auch, wo ein Fasan gemessenen Schrittes über verbogene Schienen stolziert oder Kollegin Maria aus dem Stellwerk winkt. Diese Idylle entlang der Bahnstrecke Berlin-Stettin (Sczcecin) wird so schnell nichts trüben: Auf polnischer Seite gibt es auch nach dem 1. Mai keinen konkreten Zeitplan für eine Streckensanierung.

So startet die neue EU an der Grenze zwischen Brandenburg und Polen als Europa der zwei Geschwindigkeiten. Während die Deutsche Bahn seit 2001 ihre grenznahe Strecke zwischen Berlin und Stralsund für Tempo 160 ausbaut, zuckelt ein Schienenbus in die 400 000- Einwohner-Stadt Stettin. Nahe der Grenze muss sich Axel Wallis mit 60 Stundenkilometern Höchstgewindigkeit begnügen, mehr erlauben die Schienen aus den 30er Jahren nicht. Die letzten 14 Kilometer auf polnischem Gebiet schnauft der Zug auf eingleisiger Strecke voran. Das zweite Gleis, heißt es noch immer, haben die Russen mitgenommen.

Doch Axel Wallis mag diese einsame Strecke, er liebt die Natur und das «Wilde» der Bahnstrecken im Nachbarland. Wenn er von der veralteten polnischen Bahntechnik spricht, liegt nichts Überhebliches in seiner Stimme. «Das sah bei uns im Osten nicht viel anders aus.» Der Reisende ahnt in diesem Moment, dass moderne Bahnverbindungen zum östlichen EU-Nachbarn keine Frage von Jahren, sondern von Jahrzehnten sein werden. 2008 soll gerade einmal die Haupttrasse Berlin-Warschau fertig saniert sein - fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR.

Der Zug nach Stettin rollt nun außerhalb von Raum und Zeit. «Keine Funkverbindung» ist auf dem Display im Führerhaus zu lesen, der Kontakt nach Deutschland ist abgerissen. Jenseits des Grenzbahnhofs muss ein polnischer Lotse an Bord kommen. Denn die polnischen Bahner kennen die deutsche Technik nicht, und die Deutschen können den polnischen Funk nicht empfangen, geschweige denn verstehen. Weil die Kooperation noch so kompliziert und teuer ist, fahren wenige Sonderzüge durchgehend von Berlin über Stettin an die polnische Ostseeküste. Nur an den Sommerwochenenden rollt «Der Wolliner» regelmäßig nach Swinemünde (Swinoujscie).

Die Stadtoberen des polnischen Seebades Kolberg (Kolobrzeg) weiter im Osten sind darüber sehr unglücklich. Sie werben um Gäste aus Deutschland. Und sie wünschen sich einen durchgehenden Berlin-Zug, der Reisenden die siebenstündige Fahrt an ihre weißen Sandstrände verkürzen und dreimaliges Umsteigen ersparen könnte. Ressentiments gegenüber den deutschen Nachbarn gibt es kaum noch. «Wir sind froh, wenn nicht nur Senioren auf den Spuren ihrer Erinnerungen kommen, sondern auch junge Leute», sagt Stadtführer Bogdan Jakym.

Doch der DB-Konzernbevollmächtigten für Brandenburg, Joachim Trettin, winkt ab. «Wir haben schon zwei weitere Züge nach Stettin eingesetzt, mehr geht nicht», betont er. Eine Wiederbelebung der Küstenstrecke Berlin-Stettin-Danzig rechne sich ohne grundlegende Streckensanierung in Polen nicht.

Die kann dauern. Für die Polnische Bahn PKP äußert Janusz Rettlaff vorsichtig die Hoffnung, dass der EU-Beitritt die Zusammenarbeit der Bahnen erleichtern wird. Bis dahin bleibt die einzige EU- Errungenschaft ein gemeinsamer Fahrkartentarif bis zu den polnischen Grenzbahnhöfen - und den finanziert zum größten Teil der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg.

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