Europa mit der Schreibfeder vereinen
Karlspreisträger Giscard erteilt Kritikern eine Abfuhr

In Brüssel wurde er kritisiert, in Aachen gefeiert. Der frühere französische Staatspräsident und derzeitige Präsident des EU-Verfassungskonvents Valéry Giscard d'Estaing ist für seine Arbeit an der europäischen Verfassung mit dem diesjährigen Karlspreis ausgezeichnet worden.

dpa AACHEN. Der erfahrene Staatsmann nutzte den Festakt am Donnerstag als Forum, um für "sein" Europa zu werben. Noch wenige Tage vor der Verleihung hatte Giscard von EU-Parlamentariern Prügel bezogen. Ihm wurde vorgeworfen, er setze sich über Beschlüsse des Konvents hinweg und verliere die Interessen der kleinen Mitgliedsländer aus den Augen.

Umso mehr dürfte sich der Aristokrat über den Applaus der 1100 Festgäste im Krönungssaal des Aachener Rathauses gefreut haben. Unter ihnen waren auch Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) und Giscards langjähriger Weggefährte, Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Ausdrücklich hatte sich Giscard Bundespräsident Johannes Rau als Laudator gewünscht. Der würdigte den 77-Jährigen als großen europäischen Visionär, der Meilensteine in der europäischen Politik gesetzt habe. Auch als französisches Staatsoberhaupt habe Giscard immer die Interessen von ganz Europa im Blick gehabt und die deutsch- französische Freundschaft gefördert.

Doch bei allem Lob für den Europäer erinnerte Rau daran, dass Giscards historisches Werk einer gemeinsamen EU-Verfassung noch nicht vollbracht sei. "Die Wahl ist wirklich gut, aber sie ist nicht ohne Risiko. Der Preis wird ja auch verliehen für etwas, was noch nicht vollendet ist." Der frühere Staatspräsident erhielt die Ehrung "in Würdigung seiner Lebensleistung und der historischen Aufgabe, eine Verfassung für das vereinte Europa auszuarbeiten".

Rau betonte in seiner Laudatio: "Niemand in Europa darf die Nummer eins sein oder werden wollen." Der Bundespräsident stellte sich auf die Seite der Mahner, die gleiche Rechte auch für die kleineren Staaten fordern: "Hier wird mit Recht Wachsamkeit gefordert. Es muss beim gleichrangigen Miteinander von großen und kleinen Staaten bleiben."

Giscard bezeichnete die europäische Verfassung als "großes kollektives Abenteuer". Er lehnte einen zentralistischen Bundesstaat ab und plädierte für ein starkes Europa der Staaten und Bürger. Historische Größen wie Cäsar, Karl der Große und Napoleon hätten versucht, den Kontinent zu vereinen. "Diese Versuche wurden mit Waffengewalt unternommen, mit dem Schwert in der Hand. Wir versuchen, Europa mit der Schreibfeder zu vereinen." Der in Koblenz geborene Politiker hielt als Zeichen seiner Verbundenheit zu Deutschland Teile seiner Rede auf deutsch.

Auch die Aachener bereiteten bei Kaiserwetter dem Karlspreisträger einen freundlichen Empfang. "Er hat seine Sache gut gemacht bis jetzt. Ich finde es schön, dass er die Länder enger verbinden will", meinte eine ältere Dame auf dem Marktplatz. Ein Schaulustiger sagte: "Leute wie Giscard haben das ganze vorangebracht, der hat noch Visionen."

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