Europa-Research schneidet bei institutionellen Kunden schlecht ab
Die Deutsche Bank räumt bei den Volkswirten auf

Thomas Mayer soll das neue Aushängeschild für das Europa-Research der Deutschen Bank werden. Im Oktober tritt er seinen Dienst an. Chefvolkswirt Norbert Walter - gern gesuchter Ansprechpartner für die Medien - will sich künftig stärker zurücknehmen.

FRANKFURT. Deutsche-Bank-Chef Joseph Ackermann findet sich allem Anschein nach nicht damit ab, dass seine Europa-Volkswirte von den wichtigen Kunden nicht richtig ernst genommen werden. In Umfragen zum Ansehen bei institutionellen Investoren landet das volkswirtschaftliche Europa-Research der Deutschen Bank regelmäßig abgeschlagen hinter Konkurrenten wie Morgan Stanley, CSFB, Goldman Sachs und Dresdner Kleinwort Wasserstein. Und nicht nur der externe Vergleich fällt wenig schmeichelhaft aus. Das Aktien- und Bondresearch der Bank genießt bei der umworbenen Zielgruppe ein deutlich höheres Ansehen.

Damit die personell im Branchenvergleich gut ausgestatteten Volkswirte endlich den Reputations-Ertrag abwerfen, den sie sollten, hat Ackermann im Juni Thomas Mayer verpflichtet, den bisherigen Europa-Chefvolkswirt der Investment-Bank Goldman Sachs. Mayer, der in der breiten Öffentlichkeit ebenso wie in Fachkreisen einen sehr guten Ruf genießt wird im Oktober in London seinen Dienst antreten.

Um den prominenten Newcomer so positionieren können, dass die großen Kunden klar sehen, wo und von wem das Research gemacht wird, ging Ackermann in aller Stille mit der Sense durch die Reihen der leitenden Volkswirte des Hauses. Carlo Monticelli, der bisher in London zusammen mit Ulrich Beckmann in Frankfurt das Europa Research von DB Global Markets leitete, verlässt die Bank und wechselt ins italienische Wirtschaftsministerium.

Beckmann wurde als "Leiter des Research Büros Frankfurt" Thomas Mayer unterstellt. Dieser leitet nun das Europa-Research von DB Global Markets alleine und wird mit dem Titel Chief European Economist ausgestattet.

Damit zieht die Führung der Deutschen Bank die Konsequenz daraus, dass es Beckmann und Monticelli nicht gelungen ist, sich zu profilieren, obwohl Ackermann ihnen vor 15 Monaten per Arbeitsteilungsbeschluss einen hausinterne Konkurrenten vom Hals geschafft hatte. Bis dahin hatte die traditionelle volkswirtschaftliche Abteilung DB Research unter der gemeinsamen Leitung von Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter und von Axel Siedenberg eigene Konjunktur- und Zinsprognosen erstellt und an die Kunden verteilt.

Die im Kompetenzgerangel siegreiche Global Markets Research ist eine Konkurrenzveranstaltung zu DB Research, die die Investmentbanker von Ackermann gefordert und bekommen hatten. Die Folge war, dass konkurrierende Stimmen und Prognosen die Kunden verwirrt und das Profil der Research verwischt hatten.

Als Spätfolge der Kompetenzbeschneidung von DB Research zieht sich Axel Siedenberg Ende Oktober in den Vorruhestand zurück. Damit bleibt nur der Chefvolkswirt der Deutsche-Bank-Gruppe, Norbert Walter, der die Investoren daran hindern könnte, ihre Aufmerksamkeit ganz auf Thomas Mayer zu konzentrieren.

Norbert Walter ist der im deutschen Publikum bekannteste und von den Medien gesuchteste Kommentator von Wirtschaftsthemen. Thomas Mayer dürfte jedoch in seiner Funktion bei Goldman Sachs nicht weit dahinter den zweiten Platz in dieser Liga eingenommen haben.

Der Stil der beiden ist jedoch sehr unterschiedlich, fast gegensätzlich. Norbert Walter ist ein Paradiesvogel in der Szene. Er greift populäre Themen auf und spitzt sie schlagzeilenträchtig zu. "Wenn wir die Werbung bezahlen müssten, die Walter uns bringt, wäre das ganz schön teuer" formuliert ein Deutschbanker den Sinn dieser Übung voller Begeisterung. "Walter unterhält die Privatanleger", formuliert es ein Konkurrent etwas schnippisch. Und er ist ein Riesen-Asset für die Deutsche Bank, sind sich alle einig.

Mayer dagegen hat sich dadurch einen Ruf geschaffen, dass er mit seinen Mitarbeitern exzellentes Research produziert und es versteht, dieses Kunden und Öffentlichkeit zu vermitteln.

Wenn Walter spricht, steht zwar Deutsche Bank in den Schlagzeilen, aber Deutsche Bank ist deshalb noch lange nicht drin. Wenn er - wie kürzlich - öffentlichkeitswirksam prognostiziert, die Europäische Zentralbank werde ihren Leitzins bald drastisch senken, so ist das nicht etwa die Meinung der Deutschen Bank. Norbert Walter, obwohl Chefvolkswirt, ist für solche finanzmarktnahen Fragen nämlich gar nicht mehr zuständig.

Wenn Norbert Walter fordert, den Stabilitätspakt auszusetzen, dann hindert das Deutsche-Bank-Chef Ackermann nicht, ihm öffentlich zu widersprechen. Von der Deutschen Bank wird der Vorfall als normale Meinungsverschiedenheit unter zwei Ökonomen herunter gespielt, aber er könnte doch eine Wende im öffentlichen Auftritt des Chefvolkswirts einläuten.

Schon weil er jetzt die 70 Mitarbeiter von DB Research allein leiten muss, eine Arbeit, die ihm bisher weitgehend Siedenberg abgenommen hat, wird er viel weniger Zeit zu öffentlichkeitswirksamen Auftritten haben.

Zudem muss er nun DB Research nach innen und außen vertreten, was eine gewisse disziplinierende Wirkung entfalten dürfte. "Wenn ich zu sehr im Rampenlicht stehe, ist das schädlich", demonstriert Walter Bescheidenheit: "Mir kommt es darauf an, dass DB Research und das gesamte Research der Deutschen Bank Anerkennung findet."

Auch der Verzicht auf Aussagen zu Zinsen und Wechselkursen könnte Walter künftig leichter fallen, wenn die Medien mit Thomas Mayer einen gleichzeitig namhaften und zuständigen Ansprechpartner haben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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