Europäer kopieren Amerikaner
Abgekupfert

Sie sind die „Asiaten des Webs“: Europäer und gerade auch Deutsche kopieren ohne Scham die Internetideen aus den USA. Wo Kanzlerin Merkel in China den geistigen Diebstahl anprangerte, sollten sich hier viele Anbieter an die eigene Nase fassen.

Auf ihrer letzten Reise durch das Reich der Mitte fand die Kanzlerin deutliche Worte. „China muss lernen, mit dem geistigen Eigentum so umzugehen, wie wir das gewöhnt sind, denn das ist Raub, wenn man einfach kopiert“, schimpfte sie ins TV-Mikrofon. Bei Merkels Standpauke müssten deutsche Web-Unternehmer eigentlich hochrote Köpfe bekommen, denn im Internet sind es die deutschen Firmen, die um den Titel des größten Plagiators wetteifern.

Im Netz beschränkt sich die Kreativität der hiesigen Gründer auf das hemmungslose Abkupfern US-amerikanischer Vorbilder. Da mag der Social-Bookmark-Dienst „Mister Wong“ noch so hübsch gestaltet sein, unter dem Lack findet sich eins zu eins die Idee des New Yorker Entwicklers Joshua Schachter, der mit seinem Service „Del.icio.us“ vor zwei Jahren das erfolgreiche Vorbild ins Netz stellte. Und auch wenn Katrin Bauerfeind die Web-TV-Show „Ehrensenf“ ausgesprochen charmant moderiert, das Konzept bleibt doch ein Abklatsch der amerikanischen Videoblog-Pioniere von „Rocketboom“.

Wen es tröstet: Die Attitüde, unternehmerische Kreativität durch Kartoffeldruckmechanik zu ersetzen, ist keineswegs nur eine deutsche, sondern vielmehr eine europäische. Martin Varsavsky, Gründer der WLan-Community FON, in Argentinien geboren, in den USA aufgewachsen und mittlerweile in Spanien zu Hause, hat eine verblüffende Erklärung für die Phantasielosigkeit der europäischen Entrepreneure: „Die europäische Ausbildung erzieht die Studenten dazu, den Professoren zuzustimmen, in den USA hingegen werden sie ermutigt, anderer Meinung zu sein.“ Diese Einstellung führe dazu, dass Europäer selbst in späteren Managerpositionen das kopieren, was ihr imaginärer Professor vormacht.

Klare Worte, die der Kosmopolit Varsavsky auf das europäische Selbstverständnis abfeuert. Die einzige Methode, im Internet voranzukommen, ist permanentes Ausprobieren. Wo es noch keine Erfahrungen gibt, muss man eigene machen – und vielleicht entspricht diese Trial-and-Error-Methode wirklich eher der amerikanischen Pionier-Mentalität als der der sicherheitsversessenen Europäer.

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