Europäische Aktien billiger als US-Titel
Europa lockt die Anleger

Zeus, der Gott der Götter, griff zu einer List, um die jungfräuliche Europa für sich einzunehmen. Er verwandelte sich in einen edlen Stier, gab sich sanftmütig, und konnte so das Vertrauen der Umworbenen gewinnen. Aus Sicht des Anlegers geht dieser Teil der griechischen Mythologie in Ordnung, schließlich wäre ja auch die Verwandlung in einen Bären vorstellbar gewesen, der bekanntlich das Wappentier für fallende Kurse ist.

Auch jetzt nähern sich Europa und die "bullish" gestimmten Investoren wieder an. Denn europäische Aktien sind zurzeit generell billiger als US-Titel: Während Aktien im Dow-Jones-Industrial-Average-Index (DJIA) im Mittel mit dem 20fachen des Gewinns von 2003 bewertet werden, gibt es das Durchschnittsunternehmen im EuroStoxx 50 bereits für das 17fache des erwarteten Gewinns im nächsten Jahr. Europa zum Schnäppchenpreis? Ganz so einfach ist die Sachlage nicht. Nach Expertenmeinung wäre es keine gute Strategie, jetzt einfach nur auf den Euro-Index zu setzen und auf eine schnellere Erholung des Gesamtmarktes als in den USA zu hoffen.

"Es gibt natürlich fundamentale Gründe dafür, dass viele europäische Gesellschaften mit einem Abschlag gehandelt werden, und die werden nicht so schnell verschwinden", sagt Johannes Reich, Leiter Aktienresearch beim Bankhaus Metzler. In erster Linie seien es die politischen Rahmenbedingungen, die Investoren nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinrissen. "Die Regulierungen sind hier immer noch sehr stark, und es ist sehr schwierig, diese abzubauen." Dies habe zum Beispiel der jüngste EU-Gipfel in Barcelona gezeigt, wo es wegen nationaler Egoismen nicht gelungen sei, den Strommarkt zu liberalisieren.

Merrill Lynch kommt in einer neuen Studie zu der Erkenntnis. dass Europa es bisher nicht geschafft hat, den Vorsprung der USA auf dem Technologiesektor sowie den Arbeits- und Kapitalmärkten aufzuholen. Innerhalb Europas gibt es jedoch ein Nord-Süd-Gefälle: Während Länder wie Großbritannien und Finnland den Vereinigten Staaten relativ dicht auf den Fersen sind, hinken Länder wie Griechenland und Italien hinterher. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Sind die Rahmenbedingungen für Unternehmen in Europa auch nicht optimal, so gibt es dennoch Hoffnung für europäische Aktien. Und die kommt aus den USA. "Nach dem 11. September sind viele US-Investoren erst einmal mit ihrem Geld im eigenen Land geblieben. Das ändert sich jetzt wieder, andere Regionen rücken wieder als Anlageregion in den Fokus", sagt Stratege Reich.

Weitgehend inflationsfreies Wachstum

Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Peter Knacke, Anlagestratege bei der Commerzbank, verweist darauf, dass auch der Enron-Bilanzierungsskandal mittlerweile verdaut sei; Liquidität werde auch wieder nach Europa fließen. "Große US-Anlagegesellschaften schauen sich zurzeit hier um, da sie viele US-Titel mittlerweile schon wieder für zu teuer halten."

Konjunkturell, da sind sich die meisten Experten einig, dürfte es mit einiger Verzögerung auch in Europa bald wieder aufwärts gehen. Als erste Profiteure dieser Entwicklung gelten Technologieaktien, die nach und nach in die Rolle der konjunktursensiblen Zykliker hineinwachsen. "Unternehmen investieren zunächst in neue Technologien, um von dem erwarteten Aufschwung voll profitieren zu können", erläutert Knacke.

Ein Unsicherheitsfaktor für europäische Aktien sind jedoch die Wechselkurse. Sollte sich der Euro deutlich festigen und die Parität - also einen Kurs von eins zu eins - gegenüber dem Dollar erreichen, müssten die Gewinnerwartungen wegen sinkender Exporterlöse zurückgeschraubt werden, erklärt Invesco-Fondsmanager Bernhard Langer. Und diese seien auch wegen des Basiseffekts aus 2001 mit prognostizierten Zuwächsen von bis zu 40 Prozent schon ambitioniert.

Trotzdem waren die Aussichten insgesamt selten so gut. Die Deutsche Bank glaubt, dass die Europäische Zentralbank die Leitzinsen bis zum Ende des Jahres um höchstens 0,5 Prozentpunkt anheben wird, was die Börse schon weitgehend in die Kurse eingebaut haben dürfte. Auch bleibe die Teuerung mit Jahresraten von voraussichtlich 1,9 und 2,1 Prozent für 2002 und 2003 unter Kontrolle; das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts werde sich 2003 auf rund drei Prozent beschleunigen. Damit wäre die wichtigste Zutat für die Börse vorhanden: weitgehend inflationsfreies Wachstum.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%