Europäische Konzerne im Visier
Heißhunger auf Klagen

Der Hamburger hat Sie dick gemacht? Der Kaffee war zu heiß, und Sie haben sich verbrüht? Der Lack nicht wirklich neu, sondern nur aufpoliert? Oder Sie fühlen sich durch einen Fernsehbericht in ihrem Innersten verletzt? Im Klageparadies USA findet sich für jede Klage ein Anwalt - und häufig auch eine Jury, die den Geschädigten Traumsummen zuspricht.

HB DÜSSELDORF/NEW YORK. Allein in den vergangenen 48 Stunden berichteten die Nachrichtenagenturen über zwei weitere möglicherweise millionenschwere Klagen: In San Francisco wird der zum Kraft-Konzern gehörende Lebensmittelhersteller Nabisco vor Gericht gezerrt, weil seine Kekse angeblich herzschädigende Transfettsäuren enthalten. Und in Pittsburg vertagte ein US-Gericht die Entscheidung über einen Vergleich zwischen dem Elektrotechnikkonzern ABB und Krebserkrankten, die einer US-Tochtergesellschaft des Unternehmens den unsachgemäßen Umgang mit Asbest vorwerfen. Zwar läuft alles auf einen Vergleich hinaus, bei dem ABB 1,2 Mrd. Dollar zahlen muss. Noch ist diese Lösung aber nicht gerichtsfest. ABB zittert deswegen weiter und muss jetzt seine Aktionäre zur Kasse bitten. Am Freitag will das Schweizer Unternehmen seine Hauptversammlung um eine Kapitalerhöhung um 100 Millionen neue Aktien ersuchen. 30 Millionen davon sollen in den Asbest-Vergleich fließen. Das entspricht ungefähr 87 Mill. Euro.

Spätestens seit den Tabakklagen sind die Milliarden-Forderungen in den Vereinigten Staaten jedem bekannt. Die jüngsten Klagen gegen Bayer und eben gegen ABB zeigen, dass auch Firmen diesseits des Atlantiks nicht vor der Klagewut der Amerikaner gefeit sind. Nach Schätzungen der Finanzberatung Tillinghast Towers Perrin kosten zivile Haftungsklagen die Industrie in den USA jährlich 180 Mrd. Dollar. Das entspricht fast 2 % des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 1970 waren es noch 1,3 %.

"Das Prozessrisiko ist in den USA größer, weil das Rechtssystem durch das Fall-Recht viel dehnbarer ist", sagt Steven Thal, Anwalt bei der Kanzlei Latham & Watkins. In den meisten europäischen Ländern habe man durch feststehende Gesetzestexte zumindest das Gefühl, mehr Rechtssicherheit zu haben. Außerdem sind Amerikaner viel eher bereit zu klagen. Schließlich muss in den USA der Verlierer eines Prozesses die Gerichtskosten des Gegners nicht tragen. Für die beklagten Unternehmen bedeutet das: Sie bleiben auf den Anwaltskosten sitzen, selbst wenn sie die eigentliche Klage abwehren können.

"Auch wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht eindeutig sind, können Produkthaftungsklagen erfolgreich sein", warnt Willis Emmons, Professor an der McDonough School of Business der Georgetown University. Das hätten die Klagen gegen angeblich fehlerhafte Brustimplantate gezeigt. Die Investmentbank UBS Warburg warnte vor wenigen Monaten, dass für die gesamte Lebensmittelindustrie ein ernsthaftes Klagerisiko besteht.

Aber nicht nur Produkthaftungsklagen können den Unternehmen schaden. "Gefährlich sind auch die arbeitsrechtlichen Klagen zu Themen wie Diskriminierung und sexueller Belästigung", warnt Anwalt Thal. Das kann auch europäische Unternehmen treffen, wenn sie Angestellte in den USA beschäftigen.

Und seit den schweren Bilanzskandalen von Enron und Worldcom werden in den USA auch die Klagen der Investoren immer beliebter. Unter den Ausländern sind davon jene Unternehmen betroffen, die in den USA an der Börse notiert sind. Bayer hat die Klagefreude der Anleger bereits zu spüren bekommen: Verschiedene Kanzleien sammeln bereits mit Aufrufen im Internet die Namen von geschädigten Investoren. Ihr Vorwurf: Bayer hätte das Risiko des Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol bei seinem Gang an die New York Stock Exchange im Herbst 2001 heruntergespielt.

Besonders gefährlich werden die Klagen, wenn sie die Form der Sammelklage annehmen: In dem Fall steht ein Kläger stellvertretend für eine ganze Gruppe. Und die geforderten Summen können erschreckende Höhen erreichen. Doch auch Einzelfälle können wehtun: Die Dame, die sich mit dem Kaffee von McDonald?s die Beine verbrühte, bekam in erster Instanz drei Millionen Dollar zugesprochen. Die Summe wurde zwar später deutlich reduziert. Aber seitdem ist auf Kaffee-Bechern zu lesen: "Vorsicht, heiß".

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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